Älteres Gewerbehaus weicht Neubau

Mit 27 zusätzlichen Wohnungen erweitert ein Neubau in Thun eine Siedlung aus den 1970er-Jahren. Die Bau- und Wohngenossenschaft BWG Nünenen schafft damit neuen Wohnraum für verschiedene Generationen sowie Begegnungsräume.

Von Patrizia Legnini | Bilder: Carolina Piasecki, zVg | 2026/02

Welches Ziel wurde mit dem Bauvorhaben verfolgt?

In Thun betrug die Leerstandsziffer letztes Jahr 0,05 Prozent, sie gehört somit zu den tiefsten in der Schweiz. Mit dem Neubau konnte das bestehende Wohnungsangebot der Siedlung um 27 Wohnungen ergänzt werden. Das Ziel war einerseits, bezahlbaren Wohnraum für Familien zu ermöglichen. Anderseits können ältere Bewohnende jetzt innerhalb der Siedlung von einer bestehenden, grösseren Wohnung in eine kleinere, hindernisfreie umziehen. Die Erweiterung entspricht einer konsequenten inneren Verdichtung, ohne bestehenden, günstigen Wohnraum zu vernichten. Das Projekt wurde 2018 im Rahmen eines Architekturwettbewerbs durch die Jury ausgewählt. Das Land stellt die Burgergemeinde Thun der Genossenschaft im Baurecht zur Verfügung.

Warum hat man sich für einen Ersatzneubau und gegen eine Sanierung respektive Aufstockung entschieden?

Für die Erweiterung wurde ein eingeschossiger, sanierungsbedürftiger Gewerbebau abgebrochen, der an ähnlicher Stelle stand wie der Neubau. Eine Aufstockung wäre nicht in dem Masse möglich gewesen, wie nun mit dem Neubau.

Was wurde gebaut?

Anstelle des Gewerbebaus ist ein Neubau mit achtgeschossigem Kopfbau und dreigeschossigem Gebäudeteil in Hybridbauweise entstanden. Vorfabrizierte Betonstützen um das betonierte Treppenhaus tragen die Betondecken. Die Fassaden wurden mit vorgefertigten Holzbauelementen ausgefacht und mit Welleternit verkleidet. Balkone und Laubengang sind als Stahl-/Betonkonstruktionen vorgehängt.

Was zeichnet den Neubau in architektonischer und baulicher Hinsicht aus?

Die Einfachheit und Robustheit der ganzen Konstruktion wiederspiegelt sich im Materialkonzept: Sichtbeton wird mit Eichenparkett, Leichtbauwänden und Einbaumöbeln aus Seekiefer kombiniert. In den Innenräumen setzen farbige Fensterrahmen, Türen und Bodenplatten Akzente. Das Farbkonzept der Fassade wurde mit einem Thuner Künstler entwickelt. Verschiedene Farbstreifen auf den Faserzement-Wellplatten nehmen Stimmungen aus der Umgebung auf und lassen den Bau je nach Lichtsituation und Standpunkt in unterschiedlichen Nuancen erscheinen.

In den Wohnungen wird Sichtbeton mit Eichenparkett und Einbaumöbeln aus Seekiefer kombiniert.

Grundriss einer 3,5-Zimmer-Wohnung mit 85 Quadratmetern.

Welche Verbesserungen haben sich für die ganze Wohnsiedlung ergeben?

Der achtgeschossige Gebäudeteil bildet einen neuen Hauptzugang zur Wohnsiedlung. Das Erdgeschoss öffnet sich zum neuen Zugangsweg und zum neu gestal­teten Innenhof. Dieser ist eine der wichtigsten Verbesserungen für die Siedlung: Wo früher eine grosse Parkplatzfläche asphaltiert war, lädt der grüne Innenhof heute zum Spielen und Verweilen ein. Im Erdgeschoss sind zudem neue gewerbliche und gemeinschaftliche Nutzungen entstanden. Neben einem Bistro steht den Bewohnenden auch ein Gemeinschaftsraum zur Verfügung, der sich mit dem Bistro kombinieren lässt. Beide orientieren sich zum Innenhof und fördern so den Austausch. Zusätzlich befinden sich im Erdgeschoss ein IT-Büro, ein Coiffeursalon und die Ludothek der Stadt Thun.

Wie ist man bei der Vermietung ­vorgegangen?

Die Nachfrage war so gross, dass die Wohnungen nicht zur Vermietung ausgeschrieben werden mussten – insgesamt gingen rund 250 Anmeldungen ein. Bei der Vergabe wurde besonders darauf geachtet, eine gute Altersdurchmischung in der Siedlung zu erreichen.

Was wurde in Bezug auf Energieversorgung und Nachhaltigkeit gemacht?

Das Gebäude ist im Minergie-P-Standard erstellt und entspricht den Eco-Anforderungen. Zwischen 2019 und 2023 installierte die Genossenschaft auf den bestehenden Dächern PV-Anlagen und richtete einen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) ein. Die bestehende Ölheizung wurde durch eine Grundwasser-Wärmepumpenanlage ersetzt, die die ganze Siedlung mit Energie versorgt. Zusätzlich wurden 50 Einstellhallenplätze mit E-Autoladestationen ausgerüstet.

Worin bestanden die grössten Herausforderungen beim Projekt?

Die Genehmigung der Anpassung der Überbauungsordnung und Einsprachen eines Nachbarn verzögerten die Baubewilligung um mehrere Jahre. Die Teuerung der letzten Jahre wirkte sich auf das Projekt aus. Eine weitere Herausforderung bestand für die Genossenschaft auch darin, Gewerbemietende zu finden und eine gute Mischung zu erreichen.

Baudaten

Bauträgerin
Bau- und Wohngenossenschaft (BWG), Nünenen
Architektur
W2H Architekten AG, Bern
Umfang
1 MFH, 27 Wohnungen mit 2 1/2 bis 4 1/2 Zimmern, 1 Gemeinschaftsraum, 2 Ateliers, 1 Ferienzimmer, 3 Gewerberäume, 1 Bistro

Baukosten (BKP 1-5)
14,5 Mio. CHF total inkl. Gewerbeausbauten
Finanzierung
Hypotheken UBS, EGW-Anleihe
Mietzinsbeispiel
3 ½-Zimmer-Wohnung, 86 m2:
1614 CHF plus 251 CHF NK

Die Wohnsiedlung

Die Siedlung Nünenen/Schönau wurde zwischen 1968 und 1972 im Westen von Thun mit drei-, vier- und achtgeschossigen Bauten erstellt. Der Teil der Bau- und Wohngenossenschaft BWG Nünenen umfasste bisher 142 Wohnungen, vor allem mit dreieinhalb und viereinhalb Zimmern. Sie wurden zwischen 2006 und 2009 saniert. Um die Siedlung an der Pestalozzistrasse zu verdichten, wurde 2022 ein Gewerbebau abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Darin sind 27 Wohnungen, zwei Ateliers, ein Ferienzimmer, ein Gemeinschaftsraum, ein Bistro und Gewerberäume entstanden.