«Wir müssten noch grösser denken!»

Peter Schmid ist seit 40 Jahren aktiv im gemeinnützigen Wohnungsbau und hat sich stark für die Branche und den Verband engagiert – unter anderem als Präsident verschiedener Genossenschaften, als Präsident des Regionalverbands Zürich und im Vorstand des Dachverbands. Nach seinem Rücktritt aus dem Verbandsvorstand zieht er Bilanz.

Interview: Liza Papazoglou | Bild: zVg

Peter, du zählst zu den wichtigen Akteuren des gemeinnützigen Wohnungsbaus in der Schweiz. Wie lautet dein Fazit nach 40 Jahren Engagement für die Branche?

Dauernder Einsatz für mehr politische und gesellschaftliche Akzeptanz und für mehr gemeinnützigen Wohnungsbau braucht viel Kraft und Geduld, bis sich etwas bewegt. Aber es lohnt sich. Und: Jede Wohnung mehr zählt.

Worüber hast du dich am Meisten gefreut?

Einerseits, dass es uns gelang, die gemeinnützige Logis Suisse AG mit ihren rund 3000 Wohnungen vor dem Verkauf zu retten. Andererseits freue ich mich über die mehreren tausend neuen Wohnungen in der Schweiz, zu denen ich einen massgeblichen Beitrag leisten oder die ich mit ermöglichen konnte. In sehr guter Erinnerung ist mir auch das Jubiläum 100 Jahre gemeinnütziger Wohnungsbau der Stadt Zürich geblieben, aus dem heraus das genossenschaftliche Leuchtturmprojekt «mehr als wohnen» initiiert wurde. Immer wieder berührend ist für mich, wenn ich in einem Neubau die Kinder und Familien, die dort eine neue Heimat gefunden haben, am ersten Fest sehe.

Was sind für dich die grössten Erfolge im gemeinnützigen Wohnungsbau?

Dass eine Entwicklung vom Tiefschlaf zum Erwachen stattgefunden hat. Unsere Branche hat sich professionalisiert und ist aktiver geworden – auch wenn vor allem kleinere Genossenschaften ihr Potenzial und ihre Finanzkraft leider immer noch nicht für ihre Entwicklung nutzen. Erwacht ist auch ein Bewusstsein für die ökologische und soziale Nachhaltigkeit. Da sind wir zu Vorreiterinnen in der Immobilienbranche geworden.

Und was sind die wichtigsten Entwicklungen im Umfeld?

Es ist wieder ein öffentliches Bewusstsein entstanden für die gesellschaftliche Notwendigkeit eines starken gemeinnützigen Wohnungsbaus. Wir spielen in allen Städten und nicht nur in Zürich eine immer stärkere Rolle und werden wahrgenommen. Wir gewinnen wieder Abstimmungen in den Städten und ich hoffe sehr, bald auch wieder in den Kantonen.

Gab es auch Misserfolge oder Dinge, die du nicht so umsetzen konntest, wie du wolltest?

Ja sicher. Ich fahre oft an Orten vorbei, wo wir früher Land hätten kaufen können, den Genossenschaftsvorständen aber der Mut dafür fehlte. Die Branche hat in den letzten Jahrzehnten viele Chancen verpasst, was mir weh tut. Und auch die von mir initiierte Stiftung Soliterra, die beim Landkauf unterstützt, konnte nicht so umgesetzt werden, wie ich es mir vorgestellt hatte. Zudem hätte ich gerne noch auf Bundesebene eine Initiative für einen starken gemeinnützigen Wohnungsbau ins Rollen gebracht. Dafür ist die Zeit aber (noch) nicht reif. Auch unser Verband hat seinen Auftrag aus meiner Sicht lange Zeit zu wenig professionell wahrgenommen und war sehr träge. Das hat mich ziemlich frustriert. Ich bin sehr dankbar, dass sich das mit dem heutigen Vorstand geändert hat.

Du hast viele Projekte lanciert und umgesetzt. Dabei ging es neben Innovationen für die Branche vor allem um Finanzierungslösungen. So warst du Initiant der Stiftungen Solinvest und Soliterra und des Finanzierungsmarktes. Haben diese Instrumente das gebracht, was man sich erhofft hat?

All diese Instrumente haben nur ein Ziel: Nämlich mitzuhelfen, dass es mehr gemeinnützigen Wohnungsbau gibt. Mit günstigen Finanzierungen und mehr Eigenkapital gewinnen wir mehr Spielraum für Wachstum. Viele Mitglieder haben noch nicht begriffen, wie viel Geld sie mit einer professionellen Finanzierung sparen können. Und es liegt in den Genossenschaften viel Geld brach, das andere brauchen könnten. Wenn nichtaktive Genossenschaften ihr Geld Wachstumswilligen zu Marktbedingungen zur Verfügung stellen oder sich an ihnen beteiligen würden, hätten wir deutlich mehr Branchenpower. Aber jeder sieht halt in erster Linie zu sich selbst.

Bräuchte es vielleicht auch neue Ansätze?

Ja, denn die Wirkung der internen Finanzierungs- und Förderinstrumente ist begrenzt. Wir müssten noch grösser denken. Wichtig wäre, dass unser Volksvermögen, das in Pensionskassen liegt, wenigstens zu einem kleinen Teil auch in den gemeinnützigen Wohnungsbau investiert werden könnte. Oder der Bund könnte sich an unseren Motorengefässen beteiligen, damit mehr auch ausserhalb der Zentren gebaut und gekauft werden kann. Auch Kantone, Städte und Gemeinden könnten mehr zur Finanzierung beitragen. Zum Beispiel durch die Verdoppelung des Fonds de roulement, durch Verbürgungen und vieles mehr.

Obwohl die Baugenossenschaften in den letzten zwei Jahrzenten sehr aktiv waren und auch wieder mehr bauen, kann der Anteil der gemeinnützigen Wohnungen am Wohnungsmarkt bestenfalls gehalten werden. Was braucht es, damit sich dies endlich ändert?

Es sind nicht alle Baugenossenschaften, die sehr aktiv sind, sondern halt nur einige – ich schätze, rund 20 Prozent unserer Mitglieder. Die restlichen sind untätig, und somit müssen die 20 Prozent auch das kompensieren, was die anderen nicht tun. Darum können wir unseren Marktanteil auch nicht steigern. Ich bin schon froh, wenn wir ihn halten können. Das geschieht derzeit insbesondere dadurch, dass vermehrt Liegenschaften gekauft werden. Das ist angesichts der fehlenden Landreserven neben der Verdichtung der einzige Weg, um unseren Marktanteil zu halten und allenfalls sogar zu steigern. Entscheidend ist jedoch, dass uns die Politik stärker unterstützt. Die Wohnbauförderung wurde in den letzten 30 Jahren stark reduziert. Auf Bundesebene ist sie homöopathisch und in einigen, auch grossen Kantonen praktisch inexistent. Nur die Städte und Gemeinden erwachen durch den Druck der Bevölkerung. Die öffentliche Hand muss ihr Land für den gemeinnützigen Wohnungsbau einsetzen. Bei Umzonungen muss ein Drittel für den gemeinnützigen Wohnungsbau reserviert sein und die Grundstückgewinn- und Mehrwertsteuer sollten dazu verwendet werden, um den gemeinnützigen Wohnungsbau zu fördern. Dann würden wir wieder an Kraft und Bedeutung gewinnen und unser Marktanteil würde wieder steigen.

Du setzt dich aktiv ein für eine Bodenpolitik, die bezahlbaren Wohnraum ermöglicht, etwa im Verein Gemeingut Boden. Hat ein solches Anliegen in der Schweiz politisch auch nur ansatzweise eine Chance?

Ich habe schon vor 40 Jahren erkannt, dass die Bodenfrage eine enorme Bedeutung für unsere Gesellschaft hat. Die heutigen hohen Mieten haben damit zu tun, dass Boden zu einer Handelsware geworden ist, obwohl Boden wie Wasser und Luft eine existentielle Grundlage unseres Lebens ist. So können auch nach Steuern und Abgaben viele leistungsfreie Gewinne aus dem Boden abgezogen werden. Dieses System führt zu einer riesigen Umverteilung des Volksvermögens. Wir dürfen nicht vergessen, dass die meisten gemeinnützigen Wohnbauträger gegründet wurden, um genau diesen Entwicklungen entgegenzutreten: den Boden der Spekulation zu entziehen und zu einem Gemeingut zu machen. Es ist wichtig, dass es ein erhöhtes Bewusstsein der Bevölkerung und der Politik für diese Bodenfragen gibt. Wir müssen – unabhängig von der Eigentümerschaft – einen gemeinwohlorientierteren Umgang mit Boden und seinen Erträgen finden, aber weiterhin Anreize auch für unternehmerisches Handeln bieten, damit weiter gebaut wird. Was es dazu braucht und wie wir da weiterkommen, dafür haben wir den Verein Gemeingut Boden gegründet. Er setzt sich mit den grundlegenden Bodenfragen auseinander, will aber nicht polarisieren, sondern versuchen, gemeinsam einen (kleinen) Schritt weiter zu kommen.

Was wünschst du dir für die Zukunft von den Baugenossenschaften?

Dass nicht nur 20 Prozent dafür sorgen, dass es mehr zahlbaren Wohnraum gibt, und unsere Branche ihre gemeinsame Kraft mehr nutzt. Wichtig ist für die einzelne Genossenschaft, dass sie weiterhin ihren Gründungsimpuls wahrnimmt und nicht nur an sich denkt, sondern sich auch für den gemeinnützigen Wohnungsbau ausserhalb ihrer Genossenschaft einsetzt. Ganz gemäss dem Gründungsmotto «Gemeinsam sind wir stark».

Was willst du deinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern im Verband mit auf den Weg geben?

Macht weiter so und stärkt die politische Kraft unserer Branche!

Du trittst nun von vielen Mandaten zurück und hast mehr Zeit für Privates. Wie möchtest du diese nutzen?

Ich habe noch einige Mandate im gemeinnützigen Wohnungsbau, die in den nächsten zwei, drei Jahren auslaufen, und ich bin weiterhin beratend tätig. Ich freue mich jedoch darauf, mehr Zeit für die Familie und das zu haben, was in den letzten Jahrzehnten zu kurz kam – insbesondere mein Interesse für die romanische Baukunst und das frühe Mönchstum.