«Unser Projekt hat Modellcharakter»

Im Ersatzneubau «Espenhof Nord» der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich (SAW) entsteht Wohn- und Lebensraum für ältere queere* Personen. Wie es zu dieser Kooperation gekommen ist und warum die ganze Gesellschaft vom Projekt profitiert, sagen SAW-Direktorin Andrea Martin-Fischer und Barbara Bosshard vom Verein QueerAltern Zürich.

Interview: Patrizia Legnini | Bilder: zVg, Sandra Meier, Loomn Architekturkommunikation | 2026/04

Voraussichtlich ab Herbst 2027 wird die SAW im Ersatzneubau Espenhof Nord in Zürich 26 der 138 neuen ­Wohnungen an ältere Angehörige der LGBTQ+-Community vermieten. Wie ist es dazu gekommen?

Barbara Bosshard: Der Verein QueerAltern Zürich suchte seit 2014 nach Liegenschaften, die älteren queeren Menschen Möglichkeiten vom selbstständigen bis zum betreuten Wohnen bieten. Auf dem Immobilienmarkt fanden wir jedoch kein bezahlbares Objekt. 2018 gelangte unser Vorstand deshalb an den Zürcher Stadtrat. Wir stellten das Konzept dem Gesundheits- und Umweltvorsteher und Vertre-ter:innen städtischer Stellen vor und erfuhren so von spannenden Projekten der SAW, darunter der Espenhof. Obwohl die Wettbewerbsphase dort schon abgeschlossen war und keine Pflegewohngruppen vorgesehen waren, setzten sich alle Beteiligten dafür ein, das Projekt mit uns umzusetzen und unsere Wünsche zu berücksichtigen. Dass das gelungen ist, ist ein Verdienst aller Beteiligten.

Rannte der Verein mit seiner Idee bei der SAW also offene Türen ein?

Andrea Martin-Fischer: Wir waren von Anfang an überzeugt, dass ein solches Projekt sinnvoll ist. 2019, als wir es aufgleisten, gab es in Zürich und der Schweiz noch nichts Vergleichbares. Unsere Offenheit gründet auch auf dem Auftrag der Altersstrategie 2035. Sie will älteren Menschen in der Stadt Zürich möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen und neue Wohnangebote mit Dienstleistungen und Pflege für unterschiedliche Lebensformen im Alter fördern. Dazu gehört auch die Konzeption und Erprobung von Wohnangeboten für vulnerable Zielgruppen.

Warum braucht es Alterswohnungen speziell für queere Menschen?

Bosshard: Queere Lebensformen werden nach wie vor massiv infrage gestellt. In vielen Ländern müssen queere Menschen um ihr Leben fürchten. Aber auch in der Schweiz erleben wir Diskriminierung. 2022 stimmte jede dritte Person gegen die Ehe für alle. Und vor zwei Jahren wurde einem Lehrer die Stelle gekündigt. Sein Schwul-Sein wurde vorausgehend öffentlich verhandelt. Queerfeindliche Kommentare, politische Debatten und tätliche Angriffe prägen uns alle und beeinflussen unser Selbstverständnis. Noch immer kann ein Mädchen in der Schule nicht einfach sagen, dass es in ein anderes Mädchen verliebt ist, ohne negative Reaktionen befürchten zu müssen. Darum suchen viele queere Menschen die Nähe zu Personen mit ähnlichen Erfahrungen und Biografien.

Andrea Martin-Fischer ist Direktorin der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich. Die diplomierte Betriebswirtschafterin HF und Gesundheitsexpertin FH verfügt über langjährige Führungserfahrung im Gesundheits- und Altersbereich und wohnt mit ihrer Familie in Ennetbaden (AG).

Barbara Bosshard ist Präsidentin des Vereins QueerAltern, der sich seit 2014 für diskriminierungsfreie Lebensorte und Wohnmöglichkeiten für die LGBTIQ+-Community einsetzt. Sie ist Projektleiterin der Kooperation mit der Stiftung Alterswohnungen und lebt mit ihrer Partnerin in Zürich und Romanshorn (TG).

Was erhoffen Sie sich konkret vom Zusammenleben mit anderen queeren Menschen im Espenhof? Was wird sich für die Mietenden im Alltag ändern?

Bosshard: Wenn ich mit anderen queeren Menschen zusammenwohne, ist es ein bisschen so, wie wenn ich in die Ferien verreise und mich dort erhole, sodass ich wieder gestärkt in der Gesellschaft wirken kann. Weil ich an diesem Ort so sein kann, wie ich bin, und mich nicht ständig erklären muss. Ausserdem geht es um die gegenseitige Unterstützung auf nachbarschaftlicher Ebene. Unser Projekt hat deshalb Modellcharakter. Es macht Sinn, die Leute aus der Anonymität des Alltags herauszuholen.

Besteht nicht die Gefahr, dass Wohnangebote nur für queere Menschen zu noch mehr Ausgrenzung führen?

Martin-Fischer: Nein. Angebote, die einen diskriminierungsfreien und wertschätzenden Umgang ermöglichen, sind wichtig. Die queeren Mieter:innen können ihren Alltag gemeinschaftlich gestalten, sich gegenseitig unterstützen und bei Bedarf in die Pflegewohngruppe im selben Haus wechseln. Gleichzeitig sind sie gut in die Siedlung und ins Quartier eingebunden. Das Siedlungsleben soll gemeinsam mit den nicht-queeren Mietenden gestaltet werden. Wenn dadurch auch einige von diesen merken, wie bereichernd Vielfalt sein kann, haben wir bereits viel erreicht.
Bosshard: Wir verpflichten uns, im Espenhof auch Anlässe mit dem Fokus queer zu organisieren. So erfahren die Mieter:in­nen etwas über unsere Biogra­fien und ­unsere Lebensart. Auch als Verein leisten wir Sensibilisierungsarbeit in Schulen und Institutionen. Wir können in der Gesellschaft nur etwas verändern, wenn wir sichtbar sind, hinstehen und über uns reden.

Welche Rolle spielt die Community für ältere queere Menschen?

Bosshard: Das Bedürfnis, sich zusammenzutun, ist gross, zumal Einsamkeit, Sucht und Krankheit unter queeren Menschen grosse Themen sind. Die Statistik zeigt, dass die Suizid-Rate queerer Menschen, insbesondere von Jugendlichen, höher ist als bei heteronormativen Personen. Die Aidskrise hat viele geprägt. Viele wurden nach ihrem Outing aus ihren Familien verstossen. Sie verliessen ihren ländlichen Wohnort und zogen in die Stadt, wo sie ihr Leben freier gestalten können. Für sie ist die queere Community deshalb so etwas wie eine Ersatzfamilie. Unser Verein will queere Menschen zusammenbringen und vernetzen. Das erhöht die Lebensqualität im Alltag.
Martin-Fischer: Die Kraft der queeren Community, die aus einer Not heraus erwächst, beeindruckt mich zutiefst. Sie zeigt, wie viel Menschen erreichen können, wenn sie füreinander da sind. Davon kann die ganze Gesellschaft profitieren.

Welche Erfahrungen machen queere Menschen speziell im Alter, etwa mit der Spitex oder in Altersheimen?

Bosshard: Im Alter wird man verletzlicher. So kommt es vor, dass eine Pflegefachperson ganz unsensibel fragt, ob die Frau auf dem Foto die Schwester sei. Sagt man in dieser Situation, dass es die Lebenspartnerin ist? Ein Freund von mir hat einmal einen Heimleiter in einem Alterszentrum gefragt, ob es auch schwule Bewohner gebe. Der Mann hat darauf geantwortet, dass man dieses Problem zum Glück nicht kenne. Man weiss als queere Person also nie, auf welche Menschen man in einer Institution trifft. Eigentlich müssten die Bewohner:innen an so einem Ort viel von sich erzählen können, damit das Personal angemessen auf sie eingehen kann. Wer aber nicht weiss, wie das Gegenüber reagiert, schweigt oft lieber.
Martin-Fischer: Wer solche Situationen nicht selbst erfährt, kann nie ganz verstehen, was queere Menschen erleben. Aber man kann Verständnis entwickeln und sich annähern. Für die vielen Gespräche mit dem Verein bin ich sehr dankbar. Der Espenhof ist ein kleines Projekt, kann aber einen wichtigen Beitrag zu mehr Toleranz, Akzeptanz und Gemeinsamkeit leisten.


«Zusammenbringen und Vernetzen erhöht die Lebensqualität im Alltag»


Wie wird im Espenhof das Wohnangebot für die verschiedenen Zielgruppen konkret gestaltet, in baulicher und organisatorischer Hinsicht?

Martin-Fischer: Uns war schnell klar, dass sich der Ersatzneubau Espenhof Nord besonders gut für dieses Pionierprojekt eignet. Die drei Baukörper gruppieren sich um eine gemeinsame Mitte, wo eine grosse Buche steht. Eines der Gebäude stellen wir den Angehörigen der LGBTQ+-Community zur Verfügung. Die 26 Wohnungen in diesem Trakt werden durch drei Pflegewohngruppen mit 23 Pflegeplätzen auf drei Stockwerken ergänzt. Sie werden von den Gesundheitszentren für das Alter geführt. Das ermöglicht den fliessenden Übergang vom selbständigen Wohnen über das Wohnen mit Dienstleistungen bis zum Wohnen mit Pflege und Betreuung. Im queeren Wohnteil gibt es einen separaten Gemeinschaftsraum, gleichzeitig steht den Mietenden natürlich auch der allgemeine Gemeinschaftsraum offen. So gibt es Möglichkeiten für Rückzug und für Begegnung. Die Wohnungen in den übrigen beiden Wohnhäusern stehen nicht-queeren und queeren Menschen offen.

In der einen Pflegewohngruppe sind die Plätze grundsätzlich für queere Menschen reserviert. Ist die Nach­frage dafür gross genug?

Martin-Fischer: Es ist noch nicht abschliessend geklärt, wie wir das handhaben werden. Ziel ist, dort möglichst viele queere Menschen aufzunehmen. Falls nicht genügend Bedarf an stationären Plätzen durch queere Menschen besteht, vergeben wir die Plätze selbstverständlich auch an andere Personen.

Wie sorgt die SAW konkret für ein gutes Zusammenleben der verschiedenen Mieter:innen?

Martin-Fischer: Wir schulen bereits heute alle Mitarbeitenden ganz allgemein in diskriminie-rungsfreiem Umgang. Einige möchten später sogar unbedingt in der Pflegewohngruppe für queere Menschen arbeiten. Wichtig ist auch, alle künftigen Mieter:innen des Espenhofs frühzeitig über das Konzept zu informieren. Können sie oder ihre Angehörigen sich das Zusammenleben so nicht vorstellen, bietet die SAW viele alternative Wohnmöglichkeiten in anderen Siedlungen. Wichtig ist, dass alle, die sich für eine Wohnung im Espenhof bewerben, die Siedlungs-Charta kennen und mittragen. Die Charta beschreibt die Grundsätze, die für das Zusammenleben in der Siedlung gelten.

Wie stellt die SAW sicher, dass die 26 Wohnungen tatsächlich jenen Menschen abgegeben werden, für die sie gedacht sind – und wie läuft der Auswahlprozess ab?

Martin-Fischer: Die Wohnungen werden auf den SAW-üblichen Kanälen ausgeschrieben. Für die Interessent:innen gelten dieselben Aufnahmebedingungen etwa bezüglich Alter, Wohnsitz sowie Einkommens- und Vermögensgrenzen wie für alle anderen. Bei den für die queere Gemeinschaft reservierten Wohnungen geben die Bewerber:innen zusätzlich an, dass sie queer sind respektive sich als queer bezeichnen. Bei der definitiven Auswahl beziehen wir dann noch den Verein QueerAltern Zürich mit ein.

Haben die SAW und der Verein QueerAltern Zürich weitere ähnliche Projekte in Planung?

Martin-Fischer: Weitere Wohnprojekte für queere Menschen sind derzeit nicht geplant. Letztes Jahr haben wir jedoch beschlossen, in der geplanten Neubausiedlung an der Thurgauerstrasse zehn Prozent der Wohnungen an gehörlose und hörsehbehinderte Senior:innen zu vermieten. Es ist spannend zu sehen, wie gross auch dort das Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Wohnen und gegenseitiger Unterstützung innerhalb einer grösseren, inklusiven Gemeinschaft ist.
Bosshard: Unser Immobilienteam sucht laufend nach neuen Wohnmöglichkeiten. Schliesslich haben wir heute bereits 640 und nicht mehr 80 Mitglieder wie bei der Gründung. Wegen eines vorübergehenden Baustopps auf der Espenhof-Baustelle konnten andere Projekte schneller umgesetzt werden: Im Renggergut in Wollishofen wohnen heute sechs queere Menschen in einer Hausgemeinschaft von dreissig Personen. Und im Mattenhof der Genossenschaft Sunnige Hof beim Bahnhof Stettbach bewohnen Vereinsmitglieder weitere sieben Wohnungen. Weitere Projekte sind bereits aufgegleist. Es ist schön, dass unsere Ausdauer belohnt wird.


* Die Bezeichnung «queer» wird als Oberbegriff für lesbische, schwule, bisexuelle und trans Menschen (LGBTQ) sowie alle anderen sexuellen Orientierungen, Geschlechtsidenti­täten und geschlechtliche Ausdrucksformen verwendet.