«Es braucht eine gesetzliche Regelung für Re-use»
Die Schweiz produziert immense Mengen an Bauabfällen. Künftig führt nichts an einer zirkulären Bauwirtschaft mit Wiederverwendung (Re-use) von Bauteilen und Materialien vorbei. Sarah Ackermann vom Verein Cirkla weiss, was schon gut funktioniert und was noch besser werden muss.
Interview: Daniel Krucker | Bilder: Stiftung Edith Maryon, zVg | 2025/06
Wohnen: Im revidierten Umweltschutzgesetz sind neu der Grundsatz der Schonung der Ressourcen und die Stärkung der Kreislaufwirtschaft verankert. Wird nun bei Bauprojekten die Wiederverwendung von Bauteilen und Materialien Standard?
Sarah Ackermann: Das wäre wünschenswert. Der Artikel beinhaltet jedoch keine bindende Verpflichtung. Jedes Jahr werden in der Schweiz 7000 Gebäude abgerissen. Dabei fallen 75 000 Tonnen Bauschutt an, der zwar grosses Re-use-Potenzial hat, aber nur in geringem Mass wiederverwendet wird. Wichtig wären jetzt zwei Ansätze: Erstens braucht es ein Re-use-Inventar. Vor jedem Abriss muss ein Inventar erstellt werden, um die weiter zur Verwendung einsetzbaren Elemente auf einer Plattform zu veröffentlichen. Der zweite Punkt betrifft Ersatzneubauten. Es wird viel zu viel abgerissen in der Schweiz. Hier könnte die Politik Druck machen und bei Ersatzneubauten einen Anteil Re-use vorschreiben. Es kann nicht sein, dass wir so viel Material verbrauchen und nach siebzig, achtzig Jahren alles auf der Deponie landet.
Viele Elemente und Materialien aus Altbauten sind aber gar nicht mehr brauchbar, weil sie verklebt sind oder Schadstoffe enthalten.
Das ist richtig, doch auch aus älteren Bauten können Teile wiederverwendet werden. Und beim Neubau braucht es mit Blick auf künftiges Bauen einen anderen Planungsansatz gemäss dem «Design for disassembly». Damit meint man, Produkte oder Gebäude so zu gestalten, dass sie am Ende ihrer Lebensdauer einfach und zerstörungsfrei demontiert, wiederverwendet oder recycelt werden können. Das verlängert die Lebensdauer von Bauteilen und leistet einen wichtigen Beitrag zur Kreislaufwirtschaft.
Re-use gilt als kompliziert. Was raten Sie Bauträgerinnen, die damit Neuland betreten wollen?
Ich empfehle, mit kleineren Projekten zu starten. Auch wenn in den letzten Jahren vieles einfacher geworden ist, kann Re-use immer noch herausfordernd sein. Expertise ist darum wichtig. Auf unserer Website gibt es eine Liste von Re-use-Expert:innen, die im Planungsprozess eng mit Architekturbüro und Bauherrschaft zusammenarbeiten. Gemeinsam wird entschieden, in welchem Umfang Wiederverwendung möglich oder gewünscht ist.
Zur Person
Sarah Ackermann ist Bauingenieurin und begleitet als Expertin Bauprozesse, die sich an Nachhaltigkeitsfragen und zirkulärem Bauen orientieren. Neben ihrem Engagement bei Cirkla ist sie Vorstandsmitglied des Netzwerks Nachhaltiges Bauen Schweiz NNBS.
Welche Re-use-Elemente sind für den Wohnungsbau aktuell verhältnismässig einfach zu bekommen und sinnvoll einzusetzen?
Es mag vielleicht erstaunen, aber ältere Küchen sind teilweise in so guter Qualität produziert worden, dass sie sich zur Weiterverwendung eignen können. Auch die Auswahl an Heizkörpern ist sehr gross. Parkett ist zwar etwas aufwändiger, kann aber ebenfalls wiederverwendet werden. An einer Fassade funktioniert Wellblech ausgezeichnet. Auch Mauerwerk, das aus Innenwänden stammt, kann sehr gut für einen anderen Zweck eingesetzt werden, etwa an der Fassade. Etwas schwierig ist hingegen Naturstein, weil er in der Vergangenheit oft mit Klebemittel verbaut wurde.
Für Bauherrschaften ist die Produktgarantie wichtig. Wie steht es darum bei Re-use?
Da sprechen Sie ein schwieriges Thema an. Teilweise gibt es Garantien, teilweise nicht. Die Garantiefrage beschäftigt uns aktuell sehr stark, weil es wichtig ist, hier befriedigende Lösungen zu finden. Neben dem bereits erwähnten Beizug von Re-use-Fachleuten empfehlen wir zum Beispiel, eine höhere Stückzahl zu kaufen, um bei einem Schaden auf den Vorrat zurückgreifen zu können. Bauteile wie Stahlträger können von einem Labor getestet werden, wofür es dann ein Zertifikat gibt.
Ein weiteres Thema, das beschäftigt, sind die Kosten. Stimmt die Vorstellung, dass das Re-use-Bauen per se teurer ist?
Per se nicht, obwohl das die meisten glauben. Es kommt stark auf das Konzept an – je nachdem kann Re-use zu Mehrkosten führen, es kann sich aber sogar auch positiv auf die Kosten auswirken. Mit Blick auf die Klimakrise bin ich der Meinung, dass die Kosten nicht in jedem Fall wichtigstes Kriterium sein dürfen. Wer baut, hat auch eine ökologische Verantwortung.
Was erwarten Sie für die nächsten Jahre?
Wir sind keine Pioniere mehr. In den letzten fünf Jahren ist wirklich viel passiert und ich bin zuversichtlich, dass Re-use bei immer mehr Bauenden und Planenden in den Fokus rückt. Um Re-use nachhaltig in der Branche zu verankern, braucht es jedoch eine gesetzliche Regelung, das ist klar. Je mehr Praxiserfahrung es gibt, desto näher rücken regulatorische Vorschriften. Es gibt bereits verschiedene Initiativen in der Schweiz auf Gemeinde- und Kantonsebene. Und natürlich müssen wir auch die Bauindustrie mit ins Boot nehmen, um ein echtes Umdenken zu bewirken. Ziel muss sein, künftig möglichst viele Materialien so zu produzieren und zu verbauen, dass ein zweites Leben überhaupt möglich ist. Das passiert nicht von heute auf morgen, aber es muss geschehen. Wie bei vielen anderen Themen gilt auch hier: Es braucht den politischen Willen dazu.
Verein Cirkla
Der Verein Cirkla wurde vor fünf Jahren in Kooperation mit dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) gegründet und hat aktuell 130 Mitglieder. Cirkla versteht sich als Dachorganisation für alle Akteure des Wiederverwendungssektors in der Schweizer Baubranche. Auf der Website finden Interessierte Re-use-Expert:innen, beispielhafte Projekte und Zugang zu Bauteilplattformen. Der Verein fördert und entwickelt auch Planungsinstrumente, die das Bauen mit Re-use-Elementen und Materialien unterstützen.