«Soziale Nachhaltigkeit ist schwieriger zu messen als Dämmwerte der Fassade»
Neben der ökologischen und ökonomischen Komponente rückt beim nachhaltigen Bauen auch das Soziale immer stärker in den Fokus. Barbara Müller von Wohnbaugenossenschaften Zürich erklärt, wo die Diskussion über soziale Nachhaltigkeit steht.
Interview: Daniel Krucker | Bilder: Eva Linder, zVg | 2025/05
Wohnen: Um die Nachhaltigkeit eines Unternehmens zu bewerten, wird oft auf das Kürzel ESG («Environmental, Social and Governance») zurückgegriffen. Er steht für Umwelt, Soziales und Unternehmens-führung. Was braucht es konkret, damit Immobilienunternehmen als sozial nachhaltig gelten?
Barbara Müller: Es gibt bis heute noch keine klare Definition. Klassischerweise betrachtet man den Umgang mit Mitarbeitenden und Lieferant:innen oder den Frauenanteil in Führungs-gremien. Die gesellschaftliche Verantwortung von Im-mobilienbesitzer:innen umfasst aber viel mehr, etwa die finanzielle Tragbarkeit der Mietzinse, den Verbleib der Mieter:innen in den Wohnungen bei einer Sanierung oder auch einen offenen und fairen Zugang zu freien Wohnungen für alle Bevölkerungsgruppen.
Die Immobilienbranche befasst sich erst seit ein paar Jahren mit der sozialen Dimension der Nachhaltigkeit. Was ist in dieser Zeit konkret passiert?
Es wurden verschiedene Initiativen gestartet. Ich war selbst an einem Projekt der Immobilienbewerter Wüest Partner beteiligt, im Rahmen dessen ein Diskussionspapier zu den wichtigsten Kriterien entstand. Die Initiative Sosda ist bereits einen Schritt weiter und entwickelte zusammen mit institutionellen und gemeinnützigen Partner:innen ein Rahmenwerk samt Kennzahlen. Vor zwei Jahren hat sich auch der Regionalverband Zürich mit der Frage befasst, wie Sanierungen oder Ersatzneubauten sozial verträglich aufgegleist werden können, und dazu einen Leitfaden verfasst.
Barbara Müller ist Soziologin und Projektmanagerin. Sie arbeitet seit April 2021 bei Wohnbaugenossenschaften Zürich und leitet dort den Bereich Grundlagen und Gesellschaft.
Eine faire und inklusive Vermietungsstrategie ist für soziale Nachhaltigkeit zentral. Wie stellt man als Genossenschaft die Chancengleichheit sicher?
Die meisten Genossenschaften haben ein Vermietungsreglement, was eine gute Basis ist. Darüber hinaus ist es aus meiner Sicht wichtig, dass freie Wohnungen öffentlich ausgeschrieben werden, also nicht nur auf der eigenen Homepage und auch nicht nur während einer halben Stunde. So ein kleines Zeitfenster schliesst all jene aus, die nicht die Möglichkeit haben, ständig neue Wohnungsinserate zu checken. Natürlich generiert das öffentliche Ausschreiben viele Bewerbungen. Einige Genossenschaften führen deshalb Zufallsgeneratoren für die Vorauswahl ein. Die Wohnungsvergabe sollte nach klaren und transparenten Kriterien erfolgen. Genossenschaften sollten den Bewerbungsprozess kritisch beleuchten und sich überlegen, wer mit welchen Hürden konfrontiert ist. Es geht etwa um Sprachbarrieren, Geschwindigkeit oder Bildung.
Auch die Einbindung in Entscheidungsprozesse ist ein Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit. Viele Genossenschaften sind vorbildlich darin. Was sind Ihre praktischen Tipps?
Die Mitwirkung ist in Genossenschaften mit dem Stimm- und Wahlrecht an der GV grundsätzlich eingebettet. Wenn es aber um einen echten Dialog gehen soll, muss sich die Beteiligung der Bewohnenden auf Entscheidungen auswirken können – auch wenn das heisst, dass sorgfältig vorbereitete Pläne wieder überarbeitet werden müssen. Schliesslich sagen die Leute in Partizipationsprozessen vielleicht Dinge, die der Vorstand nicht hören möchte. Die Spielregeln müssen für alle Beteiligten klar sein; alle sollten wissen, wer im Prozess welche Rolle innehat.
Nun wird über die Einführung eines Branchenstandards für das Repor-ting diskutiert. Besteht da nicht die Gefahr des «Greenwashing», also dass sich institutionelle Anbieter bloss mit einem weiteren Etikett schmücken?
Ich war diesbezüglich auch skeptisch, wurde in den Workshops bei Wüest Partner aber positiv überrascht. Auch den Institutionellen, die am Tisch sassen, ist heute klar, dass Bezahlbarkeit eine wichtige Grösse ist. Alle anderen werden unter dem Druck der Öffentlichkeit ebenfalls merken, dass sie nicht mit einem Hochglanzpapier durchkommen. Die Diskussionen sind aber noch nicht abgeschlossen. Wir setzen uns weiterhin dafür ein, dass Minimalstandards für Nachhaltigkeitsberichte für alle gelten.
Wo kann eine Genossenschaft ansetzen, wenn sie soziale Nachhaltigkeit auf ihre Agenda setzen will?
Sie könnte prüfen, wie viele der zehn Leitsätze der Genossenschaftsbranche (www.zehnleitsaetze.ch) schon umgesetzt werden. Ich empfehle, Schritt für Schritt vorzugehen und sich nur realistische Ziele zu setzen. Für die Berichterstattung gehe ich davon aus, dass es in ein paar Jahren einheitliche Definitionen und Kriterien geben wird. Allerdings müssen wir aufpassen, dass es nicht so läuft wie bei der ökologischen Nachhaltigkeit, wo es zu viele Standards gab und sich die Branche in mühevoller Arbeit auf ein paar wenige einigen musste. Eine Herausforderung ist auch die Datenverfügbarkeit. Man kann viele Daten erheben, aber die soziale Nachhaltigkeit ist nun mal schwieriger zu messen als die Dämmwerte einer Fassade.
Zur sozialen Nachhaltigkeit
- Sosda entwickelte mit institutionellen und gemeinnützigen Eigentümer:innen Kennzahlen für sozial nachhaltige Immobilienportfolios.
- Das Diskussionspapier von Wüest Partner zur sozialen Nachhaltigkeit kann kostenlos heruntergeladen werden.
- Der Praxisleitfaden von Wohnbaugenossenschaften Zürich unterstützt die nachhaltige Planung von Erneuerungsvorhaben.