Vom Werkplatz zum urbanen Gefüge
Industrieareale bieten grosse Entwicklungschancen. Das Bell-Areal ist für Kriens ein Glücksfall: Nach über 180-jähriger Industriegeschichte entsteht hier ein offenes, spannendes Stück Stadt.
Von Daniel Krucker | Bild und Plan: zVg | 2026/04
Der Goldschmied August Bell gründete 1845 am Krienbach in Kriens (LU) eine Pferdehaarflechterei. Nur zehn Jahre später baute er die hauseigene Reparaturabteilung zur Bell Maschinenfabrik aus. Es war sein Sohn Theodor, der die Bell Maschinenfabrik später international bekannt machte: Hier wurden Papiermaschinen, Wasserräder, Turbinen oder Stahlteile für Eisenbahnbrücken produziert und weltweit exportiert. Letzte Besitzerin des Bell-Areals war die Andritz Hydro AG, die auf dem Areal noch bis 2028 eine Werkstatt unterhalten wird. Danach zieht sie an den neuen Standort in Buchrain um. Schon 2017 hat sie darum das grosse und zusammenhängende Indus-trieareal an die Logis Suisse AG verkauft.
Bevölkerung redet mit
Seitdem entwickelt die Logis Suisse das Areal in enger Zusammenarbeit mit der Stadt Kriens zu einem neuen Stadtteil weiter. 2020 entwarfen 15 interdisziplinäre Planungsteams im Rahmen eines anonymisierten, zweistufigen Studienauftrags städtebauliche Konzepte. Bereits ein Jahr zuvor waren die Einwohner:innen von Kriens eingeladen worden, sich einzubringen. Knapp 900 Personen beantworteten einen Online-Fragebogen, mit dem ein Stimmungsbild aus der Bevölkerung abgeholt wurde. Anfang 2021 wählte die Jury dann aus sieben verbleibenden Vorschlägen das Projekt «Bell-Époque» des interdisziplinären Teams GWJ Architektur, Güller Güller Architecture Urbanism, ORT für Landschaftsarchitektur und MRS Partner zur Weiterentwicklung aus. Mitte desselben Jahres hatte die Bevölkerung erneut die Gelegenheit, das Konzept zu kommentieren und Inputs zur künftigen Nutzung der Freiräume zu geben. Im Herbst 2021 wurde das ausgearbeitete Richtkonzept an einem weiteren Informationsanlass der Öffentlichkeit vorgestellt.
Einstimmigkeit im Einwohnerrat
Daraufhin wurde eine öffentliche Mitwirkung zum Bebauungsplan und zur Teilzonenplanänderung durchgeführt: Privatpersonen und Organisationen konnten die Planungsentwürfe einsehen und Stellungnahmen sowie Anträge schriftlich einreichen. Diese wurden in einem Mitwirkungsbericht zusammengefasst und mit dem Bebauungsplan dem Krienser Einwohnerrat vorgelegt. 2024 stimmte der Einwohnerrat dem Plan in zweiter Lesung einstimmig zu – zusammen mit der Teilzonenplanänderung. «Die einstimmige Genehmigung zeigt beispielhaft, wie es Stadt und Grundeigentümerin gelungen ist, öffentliche und private Interessen in Einklang zu bringen», sagt die Projektleiterin Katharina Franken. Mitte Oktober 2024 genehmigte auch der Luzerner Regierungsrat die Pläne für das Bell-Areal. Noch bis mindestens Anfang 2028 werden die freien Räume auf dem Areal von einer bunten Mieterschaft zwischengenutzt.
Auf dem Bell-Areal entstehen etwa 460 gemeinnützige Wohnungen. Gleichzeitig bleiben grosse Teile zweier historischer Hallen als bauliche Zeugen der Vergangenheit erhalten. Das weit auskragende Dach der einen Halle bietet Raum für Veranstaltungen und Märkte – bei jedem Wetter.
Gewerbeanteil sorgt für Diskussionen
Künftig wird das zentral gelegene Areal – im Gegensatz zu heute – von allen Seiten öffentlich zugänglich und durchquerbar sein. Zwei Drittel des Areals werden gemeinsam mit drei regionalen Wohnbaugenossenschaften entwickelt, die seit Ende 2025 als Entwicklungs-partnerinnen (siehe Box) mit an Bord sind und insgesamt etwa 460 gemeinnützige Wohnungen realisieren wollen. Das restliche Drittel der Fläche wird einerseits an weitere Investoren weitergegeben und andererseits von Logis Suisse als Stockwerkeigentum entwickelt.
Auf dem 38 000 Quadratmeter grossen Areal sind 6500 Quadratmeter für öffentliche Frei- und Grünflächen reserviert. Geplant sind zwei grössere Plätze, Spielplätze für unterschiedliche Altersgruppen und eine Liegewiese. Im vorderen Teil beleben publikumsorientierte Nutzungen wie Restaurants, Cafés und Läden den Stadtteil. Für längere Diskussionen sorgte im Einwohnerrat der Gewerbeanteil. Der Rat wollte den geplanten Anteil von 20 auf 25 Prozent erhöhen. Verschiedene Kreise äusserten daraufhin die Sorge, dass ein Überangebot an Gewerbeflächen zu Leerständen führen und das bestehende Gewerbe bedrängen könnte, sagt Franken. «Zudem leisten Leerflächen keinen Beitrag zur Belebung des Quartiers. Und ein höherer Gewerbeanteil ginge zulasten von dringend benötigtem bezahlbarem Wohnraum.» Das bestätigt auch eine unabhängige Standortanalyse von Wüest Partner. Sie zeigte deutlich, dass der geplante 20-Prozent-Anteil den Bedarf an Gewerberaum in Kriens mehr als deckt. Der externe Faktencheck bewegte den Einwohnerrat in der zweiten Lesung, den Entscheid zu überdenken und auf den ursprünglichen Gewerbeanteil von 20 Prozent zurückzugehen.
Die Geschichte bewahren
Fachleute sind sich einig: Bei der Entwicklung von Industriearealen sollte deren Geschichte weitererzählt werden, und bauliche Zeugen der Vergangenheit sollten nicht vollständig verschwinden. Auf dem Bell-Areal bleiben daher grosse Teile zweier historischer Hallen erhalten. Um sie herum wird sich das öffentliche Leben entfalten. Unter dem weit auskragenden Dach einer der beiden Hallen (Halle C) sind wetterunabhängige Nutzungen wie Veranstaltungen oder Märkte möglich. Diese Halle wird von allen auf dem Areal Beteiligten im Miteigentum getragen und entwickelt. Dasselbe gilt für die Aussenflächen. Für die sogenannte Halle 7 (ausschliesslich Gewerbefläche) und zwei weitere Gebäude werden derzeit Gespräche mit weiteren Investoren geführt.
Die unterschiedlichen Höhen der Bauten werden sich an denen der Nachbarschaft orientieren. Die höheren Gebäude sind zur Mitte hin geplant, bleiben jedoch mit maximal zehn Geschossen unter der Hochhausgrenze von 30 Metern. Die Maximalhöhen sind im Bebauungsplan bereits festgelegt und können nachträglich auch nicht mehr verändert werden.
Dem nachhaltigen Bauen verpflichtet
Die Bauträger:innen haben sich selbst die Aufgabe gestellt, das autoarm projektierte Bell-Areal nachhaltig, energieeffizient und klimafreundlich zu entwickeln:
- Mobilität: Fussgänger:innen haben immer Vortritt und Velos sowie Zubringer sind auf dem Areal nur im Schritttempo erlaubt.
- Verkehr: Die drei Zu- und Wegfahrten der Tiefgarage sind so platziert, dass die Nachbarschaft möglichst wenig belastet wird.
- Energie: Die Wärmeversorgung erfolgt ausschliesslich mit erneuerbarer Energie oder Abwärme.
- Nachhaltigkeit: Innerhalb des Areals werden die Oberflächen nur dort versiegelt, wo es die Bauvorschriften vorschreiben. Unversiegelte Oberflächen nehmen das Regenwasser auf, speichern es und geben es zur Verdunstung und Kühlung an die Umgebung ab. Sie versorgen zudem Bäume und Pflanzen – die in grosser Zahl auf dem Areal gesetzt werden – auch in Trockenperioden. Die teils begehbaren Dächer werden mit einheimischen Pflanzen begrünt oder zur Gewinnung von Solarenergie oder zum Rückhalten von Regenwasser genutzt.
Bell-Areal Kriens
Bauträgerinnen: Logis Suisse AG Zürich (Grundeigentümerin), Gewok AG (Zusammenschluss der Krienser Wohnbaugenossenschaften Allgemeine Baugenossenschaft Kriens ABK, Familienbaugenossenschaft Kriens FBK und Liberale Baugenossenschaft Kriens LBK), Wohngenossenschaft Geissenstein – EBG Luzern, Allgemeine Baugenossenschaft Luzern ABL
Areal: Ehemaliger Industriestandort, 38 000 Quadratmeter
Meilensteine: 2017 Arealkauf durch Logis Suisse AG; 2019 Bevölkerungspartizipation Leitsätze und Lancierung Studienauftrag; 2020 Vertiefung von sieben Konzeptideen; 2021 Auswahl des Projekts «Bell-Époque» zur Weiterbearbeitung und Ausarbeitung Richtkonzept; 2024 Genehmigung Bebauungsplan und Teilzonen-Planänderung; 2025 Evaluation gemeinnützige Entwicklungspartner:innen; 2027 Auswahl Projektentwürfe Teilgebiet Bell Mitte und Am Sonnenberg; 2028 Beginn Bauplanung; voraussichtlich 2029 Einreichung Baugesuche; ab 2030 Baustart; ab 2032 Bezug in Etappen
Wohnungen: mehr als 600, ca. 1500 Bewohnende
Gewerbe: 16 000 m2 (ca. 20 Prozent), rund 500 Arbeitsplätze
Tiefgarage: 350 Parkplätze (inkl. Besuchende, Carsharing und Motorräder) und 2300 Veloabstellplätze
Baukosten: ca. 400 Mio. CHF total
Besitzverhältnisse: Logis Suisse verkauft die Baubereiche (Perimeter der jeweiligen Gebäude) an die Bauträger:innen. Die verbleibenden Arealflächen werden als gemeinsames Eigentum aller Bauträger:innen entwickelt.