Vielfältig und kreislauffähig
Seit 2023 entwickelt die Stadt Zürich zusammen mit fünf gemeinnützigen Bauträgerinnen zwei Teilgebiete des Areals Thurgauerstrasse. Bis 2032 sollen hier 400 Wohnungen für 2000 Menschen entstehen.
Von Daniel Krucker | Bilder: zVg, Stadt Zürich | 2026/03
Im Leutschenbachquartier, ganz im Norden Zürichs, besitzt die Stadt Zürich an der Thurgauerstrasse eine der letzten grossen Baulandreserven. Jahrzehntelang verpachtete sie den Hauptanteil des 65 000 Quadratmeter grossen Areals an einen Familiengartenverein. Noch bis in die 1990er-Jahre war das benachbarte Quartier von gewerblichen Strukturen geprägt. Seither wandelt es sich schrittweise in ein gemischtes urbanes Quartier an ausgezeichneter Verkehrslage.
Der Planungsprozess für das Areal an der Thurgauerstrasse startete 2014 mit einem Testplanungsverfahren und der Aufteilung des Areals in sechs Teilgebiete. Bereits 2024 wurde auf dem Teilgebiet B ein neues Schulhaus mit 18 Primar- und zwei Kindergartenklassen fertiggestellt. Anfang dieses Jahres begannen die Bauarbeiten für einen 12 000 Quadratmeter grossen Quartierpark, der 2027 der Öffentlichkeit übergeben wird.
Kooperative Entwicklung gefordert
Auf dem südlich gelegenen Teilgebiet A bauen die Stadt und die Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich (SAW) ein Gesundheitszentrum für das Alter mit 96 Pflegewohnplätzen und etwa 130 Alterswohnungen. Die Teilgebiete C und D werden im Baurecht an vier gemeinnützige Bauträgerinnen zur gemeinsamen Entwicklung abgegeben: Auf dem Teilgebiet C erstellt die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ) ein Hochhaus mit 110 Wohnungen, die Baugenossenschaft «Mehr als wohnen» in Zusammenarbeit mit der 2018 gegründeten Genossenschaft Grubenacker 130 Einheiten. Das Teilgebiet D bebauen die Stiftung Familienwohnungen SFW mit etwa 72 sowie die Wogeno Zürich mit etwa 88 Wohnungen. Die Teilgebiete E und F sind definiert, ihre konkrete Entwicklung erfolgt jedoch erst in einer zweiten Etappe.
Die Stadt Zürich hat mit der Baurechtsausschreibung ausdrücklich eine kooperative Arealentwicklung gefordert. Dazu haben sich die fünf Bauträgerinnen der Teilgebiete C und D in der Kooperation Nordnordost zusammengeschlossen. Aktuell läuft das zweistufige Wettbewerbsverfahren: Bis Herbst 2025 konnten anonym Konzeptvorschläge eingereicht werden. Anschliessend wählte ein Beurteilungsgremium mehrere Teams aus, die vertiefte Projektentwürfe erarbeiten. Diesen Sommer werden für die Areale C und D drei Siegerprojekte für die Weiterentwicklung ausgewählt.
Auf Teilgebiet C bauen die Genossenschaften ABZ und mehr als wohen (zusammen mit der Wohnbaugenossen-schaft Grubenacker), auf Teilgebiet D die Wogeno Zürich und die Stiftung Familienwohnungen. Zusammen erstellen sie etwa 400 Wohnungen.
Erstes Kreislaufareal von Zürich
Weit oben im Wettbewerbsprogramm stand laut Kooperation Nordnordost der Kreislaufgedanke. Ein Visionspapier hält fest, dass sich die beteiligten Bauträgerinnen «darauf einlassen, das erste Kreislaufareal von Zürich zu bauen». Wie konsequent sich diese Vision umsetzen lässt, wird sich zeigen müssen. Die Beteiligten bekennen sich jedoch klar zur Suffizienz: Sie wollen beim Projekt Thurgauerstrasse den Ressourcenverbrauch so weit wie möglich minimieren.
Eine der beteiligten Genossenschaften hat einen ganz speziellen Hintergrund: die WBG Grubenacker (s. Wohnenextra Dezember 2025). Getrennt vom Areal durch die gleichnamige Strasse, befindet sich ein Einfamilienhausquartier. Die Häuser gehören etwa 60 verschiedenen Eigentümer:innen. Mit der allmählichen Konkretisierung der Arealentwicklung haben manche von ihnen ihre Wohnsituation hinterfragt und sind zum Schluss gekommen, dass Einfamilienhäuser über kurz oder lang ein Auslaufmodell sind. Etwa ein Fünftel der heutigen Eigentümer:innen haben sich deshalb zusammengeschlossen und die Genossenschaft gegründet. Sie wollen die Einfamilienhaus-Grundstücke nicht einzeln und isoliert vom gegenüberliegenden Areal entwickeln, sondern möchten Teil einer solidarischen Quartierentwicklung sein. Sie beabsichtigen deshalb, ihre Liegenschaften zu gegebener Zeit der Genossenschaft zu übertragen und so Spekulationsgeschäfte zu verhindern. Letztlich kommt das dem ganzen Quartier zugute.
Die Bedeutung der frühen Mitwirkung von Anwohner:innen und künftigen Bewohnenden bei Arealentwicklungen ist unbestritten. Partizipationsprozesse legen die Basis für Verständnis, Vertrauen und Identifikation mit einem Ort. An der Thurgauerstrasse fanden vor zehn Jahren die ersten Partizipationsworkshops statt. Später führte die Kooperation auch Veranstaltungen mit Vertreter:innen der beteiligten Bauträgerschaften und deren Bewohnenden durch. Die Workshops orientierten sich inhaltlich entlang der drei Themenfelder Wohnen, Mobilität und Gemeinschaft. Die Erkenntnisse aus den moderierten Veranstaltungen wurden in einem Klappbuch zusammengefasst und sind in dieser Form in die Wettbewerbsbestellung eingeflossen. Die Kooperation Nordnordost hofft, dass dieser Ansatz die teilnehmenden Teams dazu animiert, Lösungsansätze zu entwickeln, die sich auf den Ort und vor allem auch auf seine Menschen einlassen.
Anpassbares Organisationskonzept
Nun steht die herausfordernde Phase der Weiterentwicklung und Ausführung an. Dafür haben die Beteiligten gemeinsam ein Organisationskonzept entwickelt, das laufend angepasst und aktualisiert wird. Das Konzept soll die unterschiedlichen Prozesse innerhalb der einzelnen Bauträgerinnen berücksichtigen und gleichzeitig sicherstellen, dass in der Praxis die Kommunikations- und Entscheidungswege den Anforderungen des grossen Projekts gerecht werden. Die Stadt Zürich übernimmt dabei die Rolle der Arealkoordinatorin für alle Teilgebiete. Bis voraussichtlich 2032 entsteht auf dem Areal Thurgauerstrasse ein neuer Quartierbaustein, der bauliche Dichte und klimagerechtes Bauen mit hoher Lebensqualität und günstigen Mietzinsen vereint.
Thurgauerstrasse Zürich
Bauträgerinnen: Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ), Baugenossenschaft mehr als wohnen (MAW) zusammen mit Wohnbaugenossenschaft Grubenacker (WBGG), Stiftung Familienwohnungen (SFW), Wogeno Zürich
Areal: Ehemaliges Schrebergartenareal der Stadt Zürich, total 65 000 Quadratmeter (davon Teilgebiete C und D rund 17 500 Quadratmeter)
Meilensteine: 2014 Start Testplanung; 2020 Volksabstimmung Gestaltungsplan; 2022/2023 Ausschreibung Baurechte Teilgebiete C und D; 2024 Workshops/Dialogphase; 2025 Ausschreibung Wettbewerb; 2026 Entscheid Wettbewerbe Teilgebiete C und D; 2029 voraussichtlicher Baubeginn; 2032 voraussichtlicher Bezug. Noch unbekannt: allfällige Volksabstimmung Vergabe Baurechte
Wohnungen: total etwa 400 für 1800 bis 2000 Bewohnende (Teilgebiete C und D)
Gewerbe: 4500 m2
Baukosten: ca. 160 Mio. CHF total
Besitzverhältnisse: Stadt Zürich vergibt Baurechte an beteiligte Genossenschaften. Die Vergabe wird voraussichtlich 2028 dem Gemeinderat zur Genehmigung vorgelegt. Die Vertragsdauer städtischer Baurechte beträgt üblicherweise 62 Jahre.
Koordination: Kooperation Nordnordost