Gemeinnützig dank Volksinitiative

Über 100 Jahre war das Areal Industriestrasse in Luzern ein Ort des Wandels – zwischen Gewerbe, Industrie, Wohnen und Zwischen­nutzung. Dank einer Volksinitiative bauen hier nun fünf Genossenschaften ein Quartier, das Gemeinschaft und Nachhaltigkeit vereint.

Von Daniel Krucker | Bild Stefano Schröter/KIL | 2026/02

Das städtische Areal Industriestrasse – in Gehdistanz zu Luzerner Bahnhof, See und Innenstadt – war ab Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1970er-Jahre geprägt von Gewerbe und Industrie. Zuerst als Gaswerkareal genutzt, folgten Gewerbebetriebe: vom Käselager über eine Eisenwarenhandlung bis zum Porzellanwarenhandel erlebte die Industriestrasse einen stetigen Wandel. Als auch diese Phase endete, folgten unterschiedliche Menschen und Gruppen, die das Areal als Wohn-, Arbeits- und Gestaltungsort zwischennutzten. Über vier Jahrzehnte entwickelte es sich zu einem kreativen Ort mit gemeinschaftlichem Geist.
Zwar gab es immer wieder Ideen für eine Weiterentwicklung, doch konkret wurde es erst, als die Stadt Luzern 2011 einen Investorenwettbewerb ausschrieb mit dem Ziel, das Areal zu verkaufen. Die damaligen Nutzer:innen schlossen sich zur IG Industriestrasse zusammen und lancierten erfolgreich die Volksinitiative «Ja zu einer lebendigen Industriestrasse». Sie verlangte, dass die Stadt das Areal einem gemeinnützigen Bauträger im Baurecht abgeben muss. An der Urne stimmten 2012 über 60 Prozent der Bevölkerung der Vorlage zu.
Fünf lokale gemeinnützige Bauträgerinnen – eine davon eigens für das Projekt ins Leben gerufen von ehemaligen Zwischennutzenden – gründeten daraufhin die Kooperation Industriestrasse Luzern. Sie erhielt als einzige Bewerberin den Zuschlag für die Entwicklung des Areals. 2017 gewannen Rolf Mühlethaler Architekten aus Bern den Einladungswettbewerb für den Städtebau und Aussenraum. Bis 2027 entstehen in Zusammenarbeit mit zwei weiteren Architekturbüros, die ebenfalls von der Jury ausgewählt wurden, 14 unterschiedlich gestaltete Häuser mit insgesamt 151 Wohnung für etwa 500 Bewohnerinnen und Bewohner.

Künftige Bewohnende reden von Anfang an mit
Aufgrund der Geschichte des Areals mit seiner viel­fältigen Zwischennutzung stand für die Kooperation von Anfang an fest, einen partizipativen Prozess aufzugleisen. Interessierte und künftige Bewohnende sollten ihre Vorstellungen und Ideen rund ums gemeinschaftliche Zusammenleben einbringen können. 2018 startete deshalb eine Dialogphase. Rund fünfzig ehemalige Bewoh­ner:innen, Gewerbetreibende und weitere Interessierte beteiligten sich an den drei Veranstaltungen. Auch Kinder einer Primarschulklasse wurden eingeladen. Sie trugen wesentlich dazu bei, dass die Idee aus dem Projektwettbewerb, einzelne Häuser auf dem Areal mit Brücken zu verbinden, in die Detailplanung einfloss und tatsächlich umgesetzt wird.
Ein weiteres konkretes Resultat aus der Dialogphase ist der Erhalt mehrerer Gebäude. Im Bauinventar der Stadt Luzern war einzig das ehemalige Käselager als erhaltenswert klassiert. Die Kooperation entschied, drei weitere bestehende Gebäude in die Neugestaltung zu integrieren und diese nur sanft zu renovieren. So blieb günstiger Wohn- und Gewerberaum erhalten.

Platz für Entwicklung im Betrieb
Für ein lebendiges Miteinander braucht es das Engagement der Bewohnenden. Aber auch konkrete bauliche Massnahmen fördern die Pflege von Kontakten und guten nachbarschaftlichen Beziehungen. Mehrere Dachterrassen zum Beispiel können als Veranstaltungs- und Begegnungsorte von allen Mietenden genutzt werden. Im Aussenraum entstehen Begegnungsplätze, durchgrünte Höfe und ein Fusswegnetz, das sich in alle Rich­tungen verzweigt. Die Kooperation plant und baut dabei bewusst nicht alles fertig, wie Geschäftsführer Adrian Acher­mann erklärt: «Wir lassen Raum offen für die Entwicklung der Gemeinschaftsflächen durch die künftigen Be-wohner:innen.» Die Kooperation hat ausserdem einen Kulturfonds für Aktivitäten geschaffen. Laut Lukas Berger von der Wogeno Luzern soll dieser einerseits die Genossenschaftskultur fördern, andererseits auch klassische Kulturanlässe unterstützen, bei denen auch die Öffentlichkeit willkommen ist.
Die Komplexität des Projekts und dessen Organisation mit fünf Bauträger:innen war und ist eine der grossen Herausforderungen. Die Kooperation richtete deshalb bereits in einem frühen Stadium eine Geschäftsstelle ein, wo alle Fäden zusammenlaufen und koordiniert werden. Verschiedene Arbeitsgruppen, in der alle Genossenschaften vertreten sind, treffen sich regelmässig, um anstehende Fragen zu klären. Während des gesamten Bauprozesses, der voraussichtlich im Frühsommer 2027 abgeschlossen sein wird, gab es auch themenspezifische temporäre Arbeitsgruppen. Viel Austausch und Koordination war zudem nötig, bis die Unterbaurechtsverträge zwischen der Kooperation und den fünf Bauträgerinnen unter Dach und Fach waren.

Wärme aus dem See
Die Überbauung Industriestrasse ist als «2000-Watt-Areal» zertifiziert. Dieses zeichnet Siedlungen aus, die einen nachhaltigen Umgang mit Ressourcen sowohl beim Bau als auch im Betrieb nachweisen können. Zum Heizen und fürs Warmwasser zum Beispiel wird See­wasser genutzt. PV-Anlagen über die gesamte Siedlung ergänzen das zukunftsweisende Energiekonzept. Das Areal Industriestrasse wurde als autoarme Siedlung geplant. Für die 151 Wohnungen und das Gewerbe stehen lediglich 27 Parkplätze in der Tiefgarage zur Verfügung. Wenig Raum beanspruchen auch die meisten der künftigen Bewohner:innen: Drei der fünf Bauträger:innen haben ausgerechnet, dass ihre Mietenden nicht mehr als 35 Quadratmeter pro Person beanspruchen.

Industriestrasse Luzern

Bauträgerinnen: Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL), Baugenossenschaft Wohnwerk Luzern, Gemeinnützige Wohn­bau­genossenschaft Industriestrasse Luzern (GWI), Liberale Baugenossenschaft Luzern (LBG), Wogeno Luzern
Areal: ehemaliges Gewerbe- und Industrieareal in Luzern,
8700 Quadratmeter, Zwischennutzung seit 1970er-Jahren
Meilensteine: 2012 Volksinitiative verhindert Verkauf des Areals; 2015 Zuschlag an Kooperation Industriestrasse Luzern; 2017 Ausschreibung Projektwettbewerb; 2018 Dialogprozess, Vorprojekt; 2021 Gestaltungsplan; Dezember 2023 Baustart; August 2026 bis Sommer 2027 Bezug Wohnungen und Gewerbe

Wohnungen (80%): total 151 in 14 Gebäuden, rund 500 Bewohnende
Gewerbe (20%): rund 3000 m2 (Handwerk, Kultur, Dienstleistungen, Kindergarten, Kita), 150 Arbeitsplätze
Räume: Dachterrassen, Gemeinschaftsräume, Werkstatt, Gästezimmer, Tiefgarage, Aussenraum
Baukosten: ca. 100 Mio. CHF
Baurecht: 80 Jahre städtisches Baurecht an Kooperation Industriestrasse Luzern. Unterbaurechtsverträge zwischen Kooperation und Genossenschaften.
Gesamtprojektleitung Bauherrschaft: Kooperation Industriestrasse Luzern; S+B Baumanagement AG
Planung Städtebau Gesamtareal: Rolf Mühlethaler Architekten AG, Bern