Prickelndes Pratteln

Werden Industrieareale transformiert, bieten sich gemeinnützige Bauträgerinnen an, um nutzungsgemischte und bezahlbare Quartiere zu schaffen. Oft entwickeln sie Projekte kooperativ. Das Jahresthema 2026 stellt interessante Beispiele vor. Den Auftakt macht die Zentrale Pratteln.

Von Liza Papazoglou | Bilder: Denkstatt (Martin Zeller), Konsortium Zentrale Pratteln | 2026/01

Mehr als hundert Jahre lang hat die Coop beziehungsweise ihr Vorgänger VSK gleich neben dem Bahnhof Pratteln (BL) eine Verteilzentrale betrieben. Bis 2017 wurden hier Lebensmittel und Wein en gros konfektioniert, gelagert und vertrieben. Davon zeugen noch heute der Kopfbau des 1907 erstellten ersten Lagerhauses und ein langgezogener Gewerberiegel.
Im Übrigen aber signalisiert eine Grossbaustelle tiefgreifenden Wandel: Auf dem sechs Fussballfelder grossen Areal steht ein Quartier mit breit durchmischter Nutzung kurz vor der Fertigstellung. Ab Ende Jahr sollen in Etappen rund 1200 Menschen in 470 neue Wohnungen einziehen. Für Leben sorgen werden diverse Betriebe, Dienstleister, Kunst, Kultur, Sport, Gastronomie und Freizeitangebote. Die Gemeinde Pratteln will hier zudem ein Schulhaus mit grosser Turnhalle bauen. Viele Nutzungen und Angebote haben sich bereits während der mehr­­jährigen Zwischennutzung angesiedelt und etabliert. Sie haben dazu beigetragen, das neue Quartier bei der Bevölkerung bekannt und akzeptiert zu machen.

Koordiniert und vielfältig
2016 erwirbt die gemeinnützige Logis Suisse AG das Areal – von Anfang an mit dem Ziel, etwa drei Viertel an weitere gemeinnützige Bauträgerinnen zu verkaufen und gemeinsam ein attraktives neues Quartier mit günstigem Wohn- und Gewerberaum zu entwickeln. Sie führt einen städtebaulichen Studienauftrag durch, dessen Siegerprojekt als Richtprojekt für den geforderten Quartierplan dient, und gewinnt fünf ganz unterschiedliche gemeinnützige Partnerinnen (siehe Box).
Das Gesamtprojekt wird koordiniert durch eine externe bauherrenseitige Gesamtprojektleitung. Jede Entwicklungspartnerin kann aber eigene Vorstellungen einbringen, unter Berücksichtigung des Quartierplans und im Dialog mit allen Beteiligten. Wichtige Leitplanken sind dabei ein sorgfältiger Transformationsprozess mit Zwischennutzungen, eine gute Einbindung in die Ge­meinde, vielfältige Wohn- und Lebensformen sowie Nachhaltigkeit: Gebaut wird nach dem SIA Effizienzpfad Energie 2040 und dem Grundsatz von Low-Tech, mit Bauteiltrennung und Wiederverwendung von Bauteilen. Für Wärme und Strom sorgen ein grosser Eisspeicher, Fernwärme und PV-Anlagen.
Gemeinschaftlich geplant werden die Aussenräume, die Tiefgarage sowie die Wärme- und Energieversorgung. Im künftigen Betrieb werden alle Allgemeinflächen, die offene Shedhalle und ein grosser Gemeinschaftsraum gemeinsam bewirtschaftet. Die Wohnhäuser der gemeinnützigen Partnerinnen wurden individuell entwickelt und periodisch mitei­nander abgeglichen, zum Beispiel bezüglich Wohnungsmix oder Farbgestaltung der Fassaden. So hat jeder Baustein sein individuelles Gesicht und ein eigenes Profil. Logis Suisse, Habitare und Gewona legen den Fokus aufs Mehrgenera­tionenwohnen samt Alterscluster, Home­base realisiert selbst ausbaubare, nutzungsoffene Wohn-/Arbeitsmodule, die WGN bietet vor allem Familienwohnungen an und das MHS vielfältige Wohnformen von Klein- bis Hallenwohnen.

Neu ergänzt alt: Ein vielfältiger Wohnhof und ein nutzungsdurchmischter Gewerberiegel zur Bahnseite schaffen ein belebtes Quartier.

Erfolgsfaktoren
Zentral für das Projekt war, dass die Logis Suisse das Grundstück frühzeitig sichern konnte und die anderen Bauträgerinnen erst einsteigen mussten, nachdem die planungsrechtlichen Grundlagen erarbeitet waren. «Viele kleinere Genossenschaften verfügen nicht über die Ressourcen, um ein Areal dieser Grössenordnung über Jahre hinweg zu entwickeln», sagt Marianne Dutli Derron, Projektleiterin Logis Suisse und von Anfang an dabei.
Wichtige Erfolgsfaktoren seien zudem echtes Teamplay, eine gemeinsame Haltung und robuste Kooperationsstrukturen – bei genug Freiraum für Individualität. «Seine Lebendigkeit erreicht das Areal vor allem durch die Vielfalt der Ent­­-
wick­lungspartnerinnen und der Architek­turteams.» Die Koheränz sichern würden dabei gemeinsam entwickelte Konzepte bei Baustandards, Ökologie, Mobilität, Erd­geschossnutzungen und öffentlichen Räumen. «Es braucht zudem klare Rollen. Die Regeln der Zusammenarbeit sollten klar definiert und in einer verbindlichen Vereinbarung festgelegt werden.»

Dicht und offen
Die Bebauung des Areals entwickelt sich hinter dem langgezogenen Gewerberiegel entlang der Bahngleise. Dieser dient als Lärmschutz und wurde von der Gewona sanft saniert, so dass sich auch weiterhin Gewerbe und Kreative die günstigen Mieten leisten können. Den Grossteil des Areals aber nimmt eine sechs- bis neun­geschossige Blockrandbebauung ein. Sie umspannt einen gemeinsamen Quartierpark mit 7600 Quadratmetern, der durch Niveauunterschiede, Bepflanzungen und Materialisierung geschickt zoniert wird. Auf der Nordseite entsteht mit dem «Gartenland» ein weiterer Grünraum, Öffnungen und Wege schaffen Verbindungen ins Quartier.
Weil sich die ehemaligen Lager- und Produktionshallen nicht für eine Umnutzung eigneten, werden die Wohngebäude mehr­heitlich neu erstellt. Das MHS baut aber ein Lagerhaus, das man ursprünglich ebenfalls abreissen wollte, zu einem Wohnhaus um. Zudem konnten die rie­sigen unterirdischen Lagerkatakomben zur Autoeinstellhalle um­genutzt und so viel graue Energie eingespart werden. Wo möglich, hat man Bauteile wie Fenster oder Fassadenbleche wiederverwendet. Er­halten bleibt auch die offene Shedhalle, die schon während der Zwischennutzung vielfältig bespielt wurde. Zusammen mit dem Hof soll sie als zentraler Begegnungs- und Veranstaltungsort dienen. Die künftige Nutzung des alten Zuckersilos wird gemäss den Bedürfnissen der Areal­be­tei­ligten gemeinsam definiert werden.


www.zentrale-pratteln.ch

Zentrale Pratteln

Bauträgerinnen: Logis Suisse AG, Wohnbau-Genossenschaft Nordwest (WGN), Gewona Nord-West, Genossenschaft Mietshäuser Syndikat Basel (MHS), Homebase, Habitare Schweiz AG

Areal: ehemalige Coop-Verteilzentrale, Pratteln, 43 000 Quadratmeter

Meilensteine: 2016 Erwerb durch Logis Suisse; 2017 bis 2022 Zwischennutzungen; 2018 Studienauftrag, Quartierplan, Machbarkeitsstudien; 2021 Entwicklungsvereinbarungen; Januar 2024 Baustart; ab Ende 2026 Bezug Bewohnende

Wohnungen: total 470, rund 1200 Bewohnende

Gewerbe: 15 000 m2 (Handwerk, Produktion, Kunst, Kultur, Dienstleistungen), Schule mit Dreifachturnhalle
Räume: diverse gemeinschaftlich nutzbare Räume, Dachterrassen, Tiefgarage
Baukosten: ca. 197 Mio. CHF
Besitzverhältnisse: Logis Suisse verkaufte Landparzellen an gemeinnützige Partnerinnen. Umgebung und Einstellhalle im Miteigentum aller Parteien.
Gesamtprojektleitung Bauherrschaft: Hämmerle Partner AG
Gesamtplanung: Städtebau Gesamtareal: Bachelard Wagner Architekten AG; Generalplaner/Baumanagement: S+B Baumanagement AG