Zweites Leben für die Küche

Um eine Küche aufzuwerten, genügt manchmal schon das Auffrischen von Fronten oder der Austausch von Arbeitsplatten. Erste gemeinnützige Bau­träger gehen noch einen Schritt weiter und setzen auf die Wiederverwendung von älteren Bauteilen oder ganzen Küchen – sogar in Neubauten. 

Von Thomas Bürgisser | Bilder: Nomol AG, zVg, Michael Fritschi | Oktober 2026

Warum etwas wegwerfen, das zwar nicht mehr ganz neu aussieht, aber noch gut funktioniert? Angesichts knapper Ressourcen gewinnt diese Frage auch bei der Küchensanierung an Bedeutung. Wird eine Küche nur teilweise erneuert statt komplett ersetzt, reduziert das den Materialverbrauch, spart oft Kosten und verkürzt erst noch die Bauzeit. Darum werden sogenannte Teilrenovationen beliebter, auch bei Wohnbaugenossenschaften. «Wir erneuern regelmässig nur Fronten, Arbeitsplatten, Griffe oder Geräte, während die Grundsubstanz der Küche erhalten bleibt», sagt Marco Serratore vom Küchen- und Badausstatter Sanitas Troesch.
Sinnvoll sei ein solches Vorgehen dann, wenn eine bestehende Küche konstruktiv in gutem Zustand sei und es keine grösseren Grundrissanpassungen gebe. «Gut geeignet sind langlebige Materialien wie Massivholz, Naturstein und Metall, schwieriger wird es bei stark beschädigten Spanplatten und Folienfronten.» Entscheidend ist gemäss Serratore jedoch weniger das Material selbst als dessen Zustand und die Verfügbarkeit passender Ersatzteile. «Bei stabilen und gut erhaltenen Küchenkorpussen etwa lassen sich Standardfronten in vielen Fällen problemlos ersetzen oder erneuern.»

Im Rahmen einer Sanierung beschloss die Zürcher Bau- und Wohngenossenschaft (ZBWG), eine Stahlküche nur partiell zu erneuern. Die Oberschränke blieben bestehen, die anderen Kästen bekamen neue Fronten (neue Küche Bild links).

Schneller Ersatz als Herausforderung
Sehr gute Erfahrungen mit einer Teilrenovation hat die Zürcher Bau- und Wohngenossenschaft (ZBWG) gemacht. Im Rahmen einer Ausschreibung suchte sie 2021 ein neues Stamm-Architekturbüro für zukünftige Projekte. «Aus historischen Gründen, aber auch mit Blick auf die Nachhaltigkeit war uns wichtig, dass sorgfältig mit der Bausubstanz unserer teils denkmalgeschützten Gebäude umgegangen wird», erzählt Urs Brüngger, Co-Präsident der ZBWG. Die Wahl fiel auf das Baubüro In Situ, das sich auf die Weiterverwendung bestehender Bau­materialien spezialisiert hat und so Bauabfälle vermindern will. Das erste Projekt bei der ZBWG: Eine Woh­nungs­sanierung in der Stammsiedlung, die zwischen 1893 und 1897 an der Sonneggstrasse in Zürich gebaut wurde. Nach einer Analyse beschloss man, die Forster-Stahlküche von 1997 nur partiell zu erneuern: «Abge­sehen von einigen Beulen und Kratzern waren die Schränke noch absolut in Ordnung», erinnert sich Brüngger. Also beliess man die Oberschränke, bestellte für die restlichen Kästen bei Forster einzig neue, zum Farbkonzept passende lackierte Fronten und ­ersetzte zusätzlich die rissige Arbeitsplatte.
Die Produktion in Kleinauflage habe zwar etwas Zeit beansprucht, und günstiger als eine neue Küche sei die Lösung am Ende ebenfalls nicht gewesen, sagt Brüngger. «Es ging uns aber auch nicht primär ums Geld, sondern um die Ressourcen: Gerade das Innere der Küchenschränke wird so wenig abgenutzt, dass es doch schade wäre, die Schränke nicht weiter zu verwenden. Das Ergebnis ist eine Küche, die wie neu aussieht und dennoch hervorragend zur historischen Bausubstanz passt.» Auch künftig will die ZBWG bei Sanierungen mit In Situ prüfen, was noch brauchbar ist, den heutigen Normen entspricht und sich ästhetisch am Bestand orientiert. Urs Brüngger kann sich sogar vorstellen, noch weiterzugehen: «Wir haben mit In Situ die Vereinbarung getroffen, dass auch bestehende, nicht mehr gebrauchte Bauteile eingesetzt werden könnten.» Bei den Schrankfronten
sei sie aber leider nicht fündig geworden, sagt Vanessa Looser von In Situ: «Re-Use ist immer eine Herausforderung, wenn innerhalb kurzer Zeit Einzelteile im einheitlichen Design ersetzt werden müssen.»

Spartanische Einrichtung: Die Wohnbaugenossenschaft        St. Gallen hat eine ältere Küche in einer Liegenschaft in St. Gallen nur minim saniert. Sie ersetzte Scharniere, erneuerte den bisher freistehenden Herd und baute eine kleine, zusätzliche Küchenzeile ein.

Günstige Miete wichtiger als neue Küche
Erste Erfahrungen mit einer Re-Use-Küchensanierung hat auch die Wohnbaugenossenschaft St. Gallen gesammelt: Im Rahmen eines Mieterwechsels liess sie die neue Mietpartei mitbestimmen, was erneuert werden soll. 40 Jahre lang sei in der Wohnung nichts gemacht worden, entsprechend spartanisch sei die Küche ausge­-stattet gewesen, sagt Geschäftsführer Raffael Jakob. «Die günstige Miete war der neuen Mietpartei wichtiger. Ein Schreiner ersetzte darum nur ein paar Scharniere und stellte andere neu ein.» Zusätzlich sollte der bisher freistehende Herd mit Backofen erneuert werden, und auch der Einbau einer kleinen, zusätzlichen Küchenzeile habe sich angeboten. «Neue Küchen bauen wir eigentlich nur ein, wenn wir auch die Leitungen ersetzen. ­Darum machten wir uns auf die Suche nach einer Re-Use-Lösung.»
Dabei stiess die WBG St. Gallen auf die Nomol AG. Das Unternehmen wurde 2025 gegründet, um hochwertige Bauelemente im Kreislauf zu halten. Mitgründerin ist Re-Use-Pionierin Barbara Buser, die auch In Situ mitgegründet hat. Unter dem Label «Forster Reconditioned» demontiert Nomol ausgediente Forster-Küchen und lagert sie bis zu ihrer Wiederverwendung ein. «Dabei konzentrieren wir uns auf die Produktelinie zwischen 1991 und 2011, damit sich die Elemente einfacher neu zusammenstellen lassen», erklärt Elias Knecht von Nomol.

Die Firma Nomol hat inzwischen hundert Forster-Küchen an Lager und bietet sie in drei Varianten an.

100 Re-Use-Küchen an Lager
Die Firma Forster begrüsse solche Initiativen und ar­beite dabei auch eng mit, erklärt Marketingleiter Dejan Skaljac. Allgemein unterstütze man Re-Use bei Bedarf gerne mit Fachkräften, Know-how und einer Ersatzteilverfügbarkeit von 35 Jahren. «Letzteres ist die Grundlage dafür, dass sich auch ältere Küchen mit passenden Komponenten ergänzen, reparieren oder an neue Anforderungen anpassen lassen.»
Nomol hat inzwischen rund hundert Küchen an Lager und bietet sie in drei Varianten an: aus gereinigten und geprüften Teilen, aus gebrauchten Teilen mit massgeschneiderten Ergänzungen oder komplett überarbeitet, neu gespritzt und mit neuen Arbeitsflächen. Die WBG St. Gallen wählte das Medium-Modell: Ein regionaler Küchenplaner erfasste die Bedürfnisse und Masse und ergänzte die bestehende Küche zusammen mit Nomol um eine zusätzliche Küchenzeile. Während Dampfabzug und Arbeitsplatte neu sind, stammt der Herd mit Backofen aus einem Küchenausbau – fünfjährig, überholt, ­geprüft und mit sechsmonatiger Ersatzgeräte-Garantie von Nomol. Die Küchenschränke aus einem Rückbau wiederum wurden gereinigt, teilweise wurden Schar­niere oder Tablarhalter ersetzt.
Finanziell sei die Lösung wohl etwas günstiger gewesen, als es bei neuen Küchenmöbeln der Fall gewesen wäre, sagt Raffael Jakob von der WBG St. Gallen. «Vor allem aber konnten wir eine bestehende Küche ganz ­einfach ergänzen, und zwar innert kürzester Zeit und professionell geplant, so dass wir als Bestellerin eigentlich keinen Unterschied zum Einbau einer neuen Küche gemerkt haben.» Auch im Design sehe die Küche aus wie neu, und die Mietpartei sei glücklich mit der Lösung.
Für Jakob ist deshalb klar, dass das Projekt nicht das ­letzte gewesen ist, das man mit Nomol umgesetzt hat. «Für uns ist das eine gute Möglichkeit, auch bei einzelnen Wohnungen im Rahmen eines Mieterwechsels etwas zu machen.»

Re-Use-Küche der Stiftung Habitat in der Überbauung Lysbüchel. 

Re-Use funktioniert selbst im Neubau
Ebenfalls auf die Unterstützung der Firma Forster konnte die Stiftung Habitat zählen, die noch einen Schritt weiter ging: Bei ihrem 2025 fertiggestellten letzten Neubau in der Überbauung Lysbüchel Süd in Basel setzte sie stark auf Re-Use. Für die Suche nach gebrauchten Bauteilen wurde die Firma «Zirkular» beauftragt, ein Fachplanungsbüro für zirkuläres Bauen, das aus dem Bau­büro In Situ hervorgegangen ist. Für die Re-Use-Küchen hatte Habitat klare Vorstellungen: Material, Hersteller und Modell mussten in allen Wohnungen identisch sein, Ersatzteile weiterhin erhältlich. Leichte optische Mängel und Gebrauchsspuren wurden hingegen akzeptiert.
Fündig wurde Zirkular unter anderem bei der Baugenossenschaft für neuzeitliches Wohnen, die für einen Ersatzneubau ihre Siedlung Zwischenbächen in Zürich rückbaute. 29 Küchen wurden hier für Habitat sorgfältig demontiert, gereinigt und auf Paletten verpackt. Da die Küchen bereits während des Vorprojekts gefunden worden waren, konnten sie frühzeitig in die Grundrisse integriert und mitgeplant werden. «Wir wurden bei der Planung und Ausführung von einem erfahrenen Forster-Mitarbeiter unterstützt, was den Aufwand ebenfalls reduziert hat», sagt Tenzin Tsamdha, Projektleiterin von Loeliger Strub Architektur.

40 Tonnen CO₂ eingespart
Gestalterisch war das Architekturteam jedoch limitierter als sonst. Auch mussten die Küchen bis zum Einbau über ein Jahr zwischengelagert werden. Dank eines eigenen Lagerraums in einer Einstellhalle kostete das Lagern nicht zusätzlich, und so lagen die Kosten für die Re-Use-Küchen unter dem Wert neuer Küchen. Wie viel genau, wurde von der Stiftung Habitat nicht eruiert. Gleichzeitig konnten rund 40 Tonnen CO2 eingespart werden. Für die Stiftung ist klar, dass sich das Projekt gelohnt hat. Und wie reagieren die Bewohnenden auf die Re-Use-Küchen? «Wir haben bei der Erstvermietung detailliert über die Re-Use-Elemente informiert, was wichtig ist für die Akzeptanz», so Jochen Brodbeck, Leiter Bauprojekte bei Habitat. «Und spätestens nach dem ersten Mietendenwechsel sind auch herkömmliche Küchen eigentlich Re-Use-Küchen – schliesslich wurden sie bereits von anderen Bewohnenden genutzt.»