Radikaler Kurswechsel

Ganze Wohnsiedlungen abzureissen und neu zu bauen, galt lange als selbstverständlich. Heute überdenken immer mehr Genossenschaften den Umgang mit dem Bestand und revidieren teils sogar ihre Pläne. Zwei aktuelle Grossprojekte aus der Stadt Zürich zeigen, was zum Kurswechsel führte.

Von Patrizia Legnini | Bilder: Pool Architekten, Sophie Stieger, Studio Blomen | 2026/02

Um der aktuellen Wohnungsnot zu begegnen, setzen Wohnbaugenossenschaften alles daran, mehr preisgünstigen Wohnraum zu schaffen – vor allem in den Städten. Baukräne dürften deshalb in den kommenden Jahren das Bild in vielen Wohnsiedlungen prägen. Doch längst nicht überall wird auch die Abrissbirne auffahren. Über Jahrzehnte galt der Ersatzneubau als logische Antwort auf veraltete Grundrisse, energetische Defizite und steigenden Verdichtungsdruck. Wer seine Siedlungen in die Zukunft führen und mehr Wohnungen anbieten wollte, baute neu. 

Die bald hundertjährigen Häuser der Baugenossen-schaft Waidberg in Zürich-Wipkingen weisen einen erheblichen Sanierungsbedarf auf. Entgegen der einstigen Pläne sollen die meisten von ihnen jetzt erhalten werden.

Inzwischen wird dieses Tabula-rasa-Prinzip zunehmend hinterfragt. Denn mit den älteren Wohnsiedlungen wird nicht nur die gesamte graue Energie vernichtet, die in ihren Bau floss. Es gehen auch Wohnungen im untersten Preissegment, gewachsene Strukturen, Nachbarschaften und räumliche Identitäten verloren. Bei vielen Wohnbaugenossenschaften rückt deshalb das Weiterbauen in den Fokus: Immer mehr bestehende Gebäude werden ergänzt, aufgestockt und transformiert (siehe auch Wohnen 6/2025).
Dass der gemeinnützige Wohnungsbau vor einer strategischen Neuausrichtung zu stehen scheint, lässt sich derzeit an mehreren grossen Projekten von Zürcher Wohnbaugenossen-schaften beobachten; sie sind sich in ihren Grundzügen sehr ähnlich. Beim Irchelpark in Oerlikon will die Baugenossenschaft Hagenbrünneli (BGH) die Siedlung Hirschwiese durch eine Kombination aus Bestandserhalt und Neubauten in die Zukunft führen – nachdem sie jahrelang einen vollständigen Ersatzneubau angestrebt hatte (siehe Interview). Aber auch die Baugenossenschaft Waidberg und die Baugenossenschaft Brunnenhof Zürich markieren mit ihren aktuellen Grossprojekten den Stimmungswandel.

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