Vom guten Wohnen
Text: Liza Papazoglou | Bilder: Philip Heckhausen, Sebastian Doerk, Evelyn Harlacher, Michele Cordasco, Jörg Vitelli, Guido Köhler, Zentralbibliothek Zürich | August 2026
Die Ergebnisse sprechen für sich: 98 Prozent der Bewohner:innen sind glücklich, bei der Familienheim-Genossenschaft Zürich (FGZ) zu wohnen. 83 Prozent sind insgesamt mit ihrer Wohnsituation und fast gleich viele mit der eigenen Wohnung zufrieden – deutlich mehr als der Durchschnitt der Mieter:innen in der Schweiz. Dies hat letztes Jahr eine Zufriedenheitsumfrage der FGZ unter ihren Mitgliedern ergeben. Ähnliche Befragungen gibt es sporadisch auch bei anderen Genossenschaften. Mit vergleichbaren Resultaten: Wer in einer Genossenschaft lebt, wohnt gut. Was aber heisst das?
Grün als Ressource
Vorstandspräsident Sascha Haltinner sieht verschiedene Gründe für die hohe Gesamtzufriedenheit bei der FGZ. Einerseits befinden sich die rund 2300 Wohnungen im Friesenbergquartier am Fusse des Uetlibergs. Dabei handelt es sich um ein stark durchgrüntes, mehrheitlich ruhiges Gartenstadtquartier am Stadtrand. Die Forschung zur gesundheitlichen Wirkung von Naturräumen ist umfangreich und hat erwiesen, dass Menschen mit viel Grün im Wohnumfeld weniger Stress empfinden und seltener depressive Symptome haben. Bereits ein Blick ins Grüne wirkt sich positiv aus. Spitalpatient:innen etwa brauchen weniger Schmerzmittel und werden schneller gesund, wenn sie auf Bäume sehen oder Pflanzen um sich haben.
Mit den eigenen Wohnungen sind die Bewohner:innen der FGZ insgesamt sehr zufrieden. Die 25 Siedlungsetappen der FGZ umfassen Reiheneinfamilienhäuser aus den 1920er-Jahren, spätere Wohnblöcke und moderne Ersatzbauten. Wohl fühlen sich die Mietenden überall, auch wenn es siedlungsspezifische Unterschiede gibt. Das wundert Haltinner nicht: «Eigentlich wohnen wir hier im Paradies. Auch wenn sich mal jemand über alte Küchenschränke oder ein kleines Bad ärgert: Unseren Bewohner:innen ist bewusst, wie gut sie hier leben. Vor allem angesichts des verrückten Wohnungsmarkts mit den vielen Leerkündigungen und teuren Mieten», sagt er.
Eine Umfrage hat gezeigt, dass die Bewohner:innen sehr gerne bei der FGZ leben. Geschätzt wird neben den Wohnungen und dem Umfeld auch der soziale Kitt. Für ältere Menschen hat die FGZ sogar ein eigenes Betreuungsangebot.
Wohnsicherheit als Basis
Der FGZ-Präsident spricht damit ein Thema an, das derzeit die Mieter:innen in der Schweiz umtreibt: die Angst, das eigene Zuhause zu verlieren. Wer eine Wohnungskündigung erhält, findet kaum mehr passenden und bezahlbaren Ersatz, und wenn doch, bedeutet dies oft, dass man sein vertrautes Umfeld verlassen muss. Wohnsicherheit aber ist elementar und bildet die Basis fürs gute Wohnen. Bei Baugenossenschaften geniesst sie höchste Priorität.
Dennoch, sagt der Genossenschaftspräsident, merke man auch bei der FGZ, wie stark das Thema die Menschen beschäftige: «Wenn eine Sanierung ansteht, machen sich unsere Mieter:innen grosse Sorgen. Wir erklären deshalb immer frühzeitig, wie umsichtig wir vorgehen.» Die FGZ saniert in der Regel in bewohntem Zustand. Müssen Mietparteien für eine Zeit lang ihre Wohnung verlassen, gibt es Übergangsangebote, Entsorgungsaktionen und Zügelhilfen. Wer wegen Belegungsvorschriften umziehen muss, erhält entsprechende Ersatzangebote. Mit einer eigenen Altersbetreuung sorgt die Genossenschaft ausserdem dafür, dass auch ältere Menschen so lange wie möglich in der Genossenschaft leben können.
Die gute Nachbarschaft und das Zusammenleben tragen ebenfalls viel zur hohen Zufriedenheit bei der FGZ bei. Gemäss der Umfrage pflegen neun von zehn Mitgliedern persönliche Kontakte und helfen sich gegenseitig aus. Man kennt sich, unterstützt sich. Das stärkt den Zusammenhalt und die Identität. Aus Forschungen weiss man, dass gute Nachbarschaft das psychische Wohlbefinden und das Sicherheitsgefühl fördert. Bei der FGZ können sich zudem Menschen jeden Alters auf vielfältige Weise einbringen und engagieren. Haltinner: «Wir haben eine lebendige Genossenschaftskultur und fördern diese gezielt.» So gibt es diverse Anlässe und zum Beispiel Gruppen für Petanque, den Holzofen, Kompostieren oder Jugendliche. Die Vertrauensleute, die in den Siedlungen als Bindeglied zwischen Bewohnerschaft und Genossenschaft fungieren, führen zudem neue Mieter:innen in die Angebote ein und unterstützen Aktivitäten. Dies alles bildet den Kitt in der FGZ-Gemeinschaft.
Die Basler Genossenschaft Gewona Nord-West setzt auf Mitwirkung und zieht Bewohnende bei Gestaltung und Nutzung der Aussenräume ein. An der Eptingerstrasse in Basel etwa legten die Mieter:innen selbst neue Mergelwege an (links). In vielen Siedlungen fördern Pflanzbeete den Austausch, wie unten an der Rheinstrasse in Liestal (BL).
Begegnungsräume und Wohnqualität
Damit eine lebendige Gemeinschaft funktioniert, braucht es aber auch eine entsprechende Architektur und Raumangebote. Deshalb stellen immer mehr Genossenschaften Gemeinschaftsräume bereit und gestalten ihre Siedlungen begegnungsfördernd. In einer Waschküche mit Tageslicht verweilt man eher auf einen Schwatz mit Nachbarn als im feuchten Kellergeschoss. Laubengänge werden ebenso wie freundliche Eingangsbereiche, grosszügige Treppenhäuser, Dachterrassen oder attraktive Aussenräume zu Treffpunkten. Viele Genossenschaftsprojekte setzen dies vorbildlich um und erhielten in den letzten Jahren Auszeichnungen für gutes Bauen.
Die privaten Wohnräume müssen in erster Linie das Urbedürfnis nach Schutz und Sicherheit erfüllen und physiologischen Bedürfnissen nach Licht, Luft, Wärme und Ruhe Rechnung tragen. Natürliches Tageslicht etwa erhöht die Aktivität zahlreicher Hirnbereiche und reguliert die innere Uhr des Menschen, die wiederum Schlaf-Wach-Zyklen, Hormonausschüttung und Stoffwechselvorgänge steuert; Strassenlärm kann zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck führen. Moderne Wohnhäuser erfüllen in der Schweiz dank diverser Bauvorgaben mittlerweile weitgehend die Anforderungen an Wohngesundheit und -hygiene. Eine Selbstverständlichkeit ist dies allerdings nicht. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten hierzulande viele Menschen in teils prekären Verhältnissen (siehe Box).
Gute Gestaltung
Ob sich Menschen in der gebauten Umwelt wohlfühlen, hängt einerseits von der individuellen Wahrnehmung und eigenen Präferenzen ab. Anderseits spielen objektive Faktoren eine Rolle, die auch messbare Auswirkungen auf die Gesundheit haben. So weiss man etwa, dass schon ein kurzer Aufenthalt in einem gut gestalteten Raum die Herzfrequenz senkt und die Konzentration steigert. Empfinden Menschen Räume hingegen als unangenehm, führt das zum Beispiel zu einer erhöhten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol.
Fürs Wohlbefinden spielt dabei die «Gestimmtheit der Räume» eine grosse Rolle. Gemeint ist damit die sinnlich erlebbare Atmosphäre, die aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren entsteht. Dazu zählen etwa Farben, Oberflächen und Materialien, Proportionen, Geräusche, Gerüche oder Helligkeit. Art, Qualität und Menge der sinnlichen Reize bestimmen, ob Wohnungen als angenehm empfunden werden. Wohnungen sollten zudem baulich so gestaltet sein, dass Bewohnende sich jederzeit zurückziehen können; fühlen sie sich beobachtet, führt dies zu Stress. Nicht zuletzt tragen auch praktische Aspekte wie gut und flexibel möblierbare Grundrisse oder genügend Stauraum zum guten Wohnen bei.
Spielende Kinder in der FGZ-Siedlung Grünmatt. Angebote für alle Bewohnenden- und Altersgruppen zählen zu den Qualitäten der Genossenschaft. Genauso wichtig ist die hohe Wohnsicherheit.
Einbezug und Wettbewerbe
Damit ihre Bauprojekte hohen Qualitätsansprüchen genügen, nutzen Genossenschaften im Wesentlichen zwei Instrumente: den Einbezug der Mitglieder und die Durchführung von Architekturwettbewerben. Die FGZ setzt wie viele Genossenschaften auf konsequente Mitwirkung. Haltinner: «Wir holen bei unseren Bewohner:innen frühzeitig und in mehrstufigen Prozessen ab, wie sie wohnen möchten und was ihnen dabei besonders wichtig ist.» Diese Erkenntnisse fliessen dann zusammen mit den Inputs einer Fachkommission in die Wettbewerbe ein.
Genauso wichtig wie eine sorgfältige Planung sind gemäss Haltinner aber auch Leerstellen – Räume also, deren Nutzung man offenlässt und die sich die Mieter:innen selbst aneignen können. «In unserem aktuellen Ersatzneubauprojekt Rossweidli zum Beispiel wird sowohl für gewisse Innenräume wie auch für Aussenbereiche die Nutzung nicht definiert. Die künftigen Bewohnenden werden diese miteinander bestimmen.»
Aneignung ermöglichen
Auch für die Gewona Nord-West ist es wichtig, dass sich die Mieter:innen einbringen und sich ihr Umfeld aneignen können – auch wenn die Basler Genossenschaft einen ganz anderen Hintergrund hat als die über 100-jährige FGZ. Die Gewona entstand 2015 aus einer Fusion von zwei Genossenschaften und ist seither durch Hauskäufe und weitere Fusionen stark gewachsen. Mittlerweile besitzt sie neben diversen Gewerbebauten über 400 Wohnungen in 30 Siedlungen.
So sind immer wieder neue Häuser und mit ihnen neue Mitglieder zur Gewona gestossen. Viele von ihnen hatten bis dahin kaum Berührungspunkte zu Genossenschaften. Aneignungsmöglichkeiten wie Gärten würden helfen, neue Bewohner:innen ans Genossenschaftswesen heranzuführen, sagt Co-Präsident Ivo Balmer: «Nach einem Hauskauf sind die Leute erst einmal froh, dass sie nun in gesicherten Verhältnissen leben. Meist entsteht dann nach einiger Zeit das Bedürfnis, selbst mitzugestalten. Das nutzen wir.» So wurden zum Beispiel bei den Siedlungen Tellplatz in Basel und Heidenloch in Liestal nach Sanierungen die Aussenbereiche umgestaltet. Die Gärten werden nun gemeinschaftlich genutzt. Das stärkt die Gemeinschaft und ist ein gutes Sprungbrett für weitergehende Mitwirkung.
Die Wohnungen der Gewona Nord-West in der Zentrale Pratteln verfügen über bunte Küchenfronten und viel Holz. Fürs Wohlbefinden spielen sinnlich erlebbare Elemente wie Farben und Materialien eine wichtige Rolle.
Gemeinschaftliche Perspektiven
Mitwirkung ist für den Co-Präsidenten zentral, denn: «Gutes Wohnen entsteht nie allein durch Architektur. Es entsteht dort, wo Menschen ihre Wohnsituation langfristig gestalten können und gemeinschaftliche Perspektiven ohne Zwang wachsen.» In der Verbindung von baulicher Qualität, Mitbestimmung und dauerhafter Bezahlbarkeit sieht er die Grundlage dafür, dass sich Menschen zuhause fühlen und Nachbarschaften entstehen.
Bei ihren zwei aktuellen Neubauprojekten setzt die Gewona wie die FGZ auf Mitwirkung und offene Architekturwettbewerbe. «Dort stellen wir nicht nur architektonische Fragen, sondern auch solche zum konkreten Wohnalltag», sagt Balmer. Auf der Zentrale Pratteln und am Walkeweg kooperiert die Genossenschaft zudem mit anderen gemeinnützigen Bauträgerinnen – auch aus Überzeugung, dass bessere Projekte entstehen, wenn von Anfang an verschiedene Perspektiven in die Planung eingebracht und im Dialog weiterentwickelt werden. So entstünden intelligente, pragmatische und kreative Lösungen etwa für Grundrisse, Erschliessungen oder hohe Aufenthaltsqualitäten. «Dabei hinterfragen wir immer wieder auch Wohnstandards. Gutes Wohnen ist keine Frage von technischen Standards oder Quadratmetern, sondern von Aushandlung», meint Balmer.
Zuerst Privatsphäre, dann Gemeinschaft
Beim Wohnen braucht es eine gute Balance zwischen intimen Privaträumen und sozialer Öffentlichkeit. Dies auszutarieren, wird mit der Innenverdichtung noch mehr zur Herausforderung. Deshalb werde der sorgfältigen Gestaltung der Übergänge zwischen privaten, halböffentlichen und öffentlichen Bereichen zunehmende Bedeutung zukommen, meint Ivo Balmer. «Neben gemeinschaftlichen Bereichen bleiben private Balkone, Sitzplätze oder Rückzugsmöglichkeiten wichtig», stellt er fest.
Seine Aussage deckt sich mit Studienergebnissen, die belegen, dass private Aussenräume die wahrgenommene Wohnqualität erheblich steigern. Und sie entspricht auch einem Befund au s der Zufriedenheitsumfrage der FGZ. Die Bewohnenden wurden dort auch gefragt, was ihnen besonders wichtig ist. Nach der günstigen Miete und Liften am häufigsten genannt wurde ein eigener Balkon oder Sitzplatz. Erst vom sicheren Boden der geschützten Privatsphäre aus öffnen sich Menschen für gemeinschaftliche Nutzungen. Genossenschaften sind prädestiniert, beides zu bieten.
Prekäre Wohnverhältnisse
Ein eigenes Zimmer, fliessendes Wasser, ein Bad, geheizte Räume: Davon konnten viele Menschen gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz nur träumen. Im Zuge der Industrialisierung wuchsen viele Städte rasant, was bald zu einer Wohnungsnot und teilweise katastrophalen Wohnverhältnissen führte. Dies zeigen in Basel, Lausanne, Bern, Zürich und Luzern ab 1889 als «Wohnungsenquêten» durchgeführte Erhebungen. Mietwohnungen waren oft eng, dunkel und schlecht belüftet, die hygienischen Verhältnisse prekär. Gemäss der Zürcher Enquete von 1896 hatten vier von fünf Neubauten kein Bad, in gewissen Berner Quartieren gab es nur in 42 Prozent der Häuser Aborte, und die Hälfte der Menschen aus unteren sozialen Schichten lebte in Gebäuden ohne Wasserversorgung. Weil die Mieten dennoch horrend waren, wurden Häuser bis in die letzten Winkel unterteilt und untervermietet. Mieter:innen nahmen häufig Untermietende auf, manchmal lebten ganze Familien in einem Zimmer. Bewohnende vermieteten sogar ihr eigenes Bett an sogenannte Schlafgänger:innen – teilweise in Acht-Stunden-Schichten. In Bern hatte über ein Viertel der Haushalte Zimmermietende oder Schlafgänger:innen. Aber auch in expandierenden Vororten und ländlichen Industriezentren entstanden Mietkasernen ohne Wasserversorgung und geregelte Entwässerung. Ihre Bewohner:innen gehörten jeweils zu den ersten Opfern von Typhus und Cholera. Erst nach 1920 verbreiteten sich Badezimmer, Zentralheizungen und Warmwasserapparate. Die Wohnmisere war mit ein wichtiger Grund für die erste grosse Gründungswelle von Wohnbaugenossenschaften.