Teilen verbindet

Räume, Verantwortung, Gemeinschaft: Geteilt wird in Wohnbau­genossenschaften vieles. Dabei geht es um Grundwerte – und um pragmatisch-kreative Umsetzungen, wie drei Beispiele zeigen.

Von Liza Papazoglou | Bilder: Samuel Schalch, Markus Ritzmann, Daniel Kaufmann, zVg | April 2026

Gotten und Göttis kümmern sich normalerweise um ihre Patenkinder. In der Siedlung Vogelsang der Gemeinnützigen Wohnbaugenossenschaft Winterthur (GWG) hüten sie ­je­doch Akkuschrauber, Nähmaschinen oder Schneeschuhe bei sich zu Hause – alles Dinge, die Mitbewohnende ausleihen können. Wer etwas braucht, schaut in der GWG-App nach, ob der gewünschte Gegenstand verfügbar ist, und kann ihn gleich online buchen. Danach macht man miteinander Termine für das Abholen und Zurückbringen aus.
Mit diesem einfachen Ausleihsystem macht die Genossenschaft sehr gute Erfahrungen, sagt Geschäftsführerin Doris Sutter Gresia. Eingeführt hat es die GWG in der 2021 bezogenen Siedlung, weil es sinnvoller ist, selten gebrauchte Sachen zu teilen als sie zu kaufen und bei sich aufzubewahren. Nach einer Bedarfsabklärung bei den Bewohnenden legte die GWG einen Grundstock an, einige Gegenstände spendeten auch Mitglieder. Mittlerweile können etwa sechzig Artikel ausgeliehen werden, vom Standup-Paddle über das Waffeleisen oder Zelt bis zum Koffer und Fondue-Caquelon. Die GWG ist Besitzerin und kümmert sich um Reparatur oder Ersatz, wenn etwas kaputt geht. «So gibt es keinen Streit unter Nachbar:innen», sagt Sutter Gresia. Die persönliche Übergabe sieht sie als grossen Vorteil: «Die Bewohnenden geben die Sachen in ordnungsgemässem Zustand zurück, und Defekte werden rasch gemeldet. Zudem kommen die Menschen so unkompliziert miteinander in Kontakt.» Probleme mit Ordnung oder Sauberkeit, wie sie in Leihräumen entstehen können, gibt es mit diesem Ausleihsystem nicht.
Der virtuelle Leihraum ist Teil eines ganzen Bündels von Massnahmen, mit denen die GWG Ressourcen und Infrastrukturen möglichst sorgsam und sinnvoll nutzbar machen will. Dafür bietet sich Teilen an: Indem Gegenstände, vor allem aber auch Räume gut ausgelastet sind und vielen Menschen zugutekommen, wird der Ressourcenverbrauch pro Kopf gesenkt. Und es entsteht mehr sozialer Austausch. Das Anliegen teilt die GWG mit vielen anderen Genossenschaften. Seit der Jahrtausendwende probieren sie vermehrt Ansätze aus, wie im Sinne der Nachhaltigkeit durch Sharing individueller Wohnraum reduziert und gleichzeitig die Lebensqualität erhöht werden kann.

Das Siedlungslokal im Vogelsang ist für Bewohnende durchgehend zugänglich. 

Räume und Infrastrukturen gemeinsam nutzen
«Der Vogelsang war unser letztes grosses Neubauprojekt. Wir fragten uns, was es braucht, damit Wohnen einfach, nachhaltig und günstig ist», sagt Sutter Gresia. Die ­Ant­wort sind Angebote für möglichst viele Lebensaspekte vor Ort, für alle und leicht zugänglich. So gibt es eine breite Palette an gemeinschaftlichen oder aktivitätsbezogenen Räumen. Ein offenes Siedlungslokal gehört ebenso dazu wie ein Badebrunnen, Gästezimmer, Spiel- und Musikzimmer, Recycling­räume, Velowerkstatt, Gemeinschaftsbüro oder Fitnessraum. Für letztere können Bewohnende auf der Online-Plattform einfach ein Monatsabo lösen, dann wird ihr Schlüssel freigeschaltet. Und das zu moderaten Prei­sen: Ein Fitnessabo kostet zehn Franken pro Monat, ein flexibler Arbeitsplatz im Büro 35 Franken, und auch die Gästezimmer sind günstig. «Wir wollten niederschwellige Angebote. ­Finanziert werden sie zu einem guten Teil über die Wohnungsmieten», sagt die Geschäftsführerin. «So kann man alles unkompliziert halten und erreicht eine gute Auslastung.»
Geteilt wird bei der GWG – wie bei vielen anderen Genossenschaften – auch in Sachen Mobilität. Das spart Platz und Kosten und dient der Umwelt. Die GWG hat für verschiedene ihrer Siedlungen Elektroautos gekauft, wel­che die Bewohnenden mieten können. Ebenfalls sehr beliebt sind Veloanhänger; die GWG schafft sie an, sobald sich an einem Standort zehn Leute finden, die sie nutzen möchten. Und statt Parkplätze flächendeckend mit Ladestationen auszustatten, die den grössten Teil des Tages verwaist sind, hat die GWG punktuell Ladestationen für E-Autos eingerichtet. Die Mieter:innen können diese über die GWG-App buchen und nutzen dieses Angebot auch fleissig.

Wohnraum teilen
Die gemeinschaftliche Nutzung von Räumen findet sich in fast allen moderneren ­Genossenschaftssiedlungen. Wiederbelebt wird damit eine Tradition aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wo sogenannte Kolonielokale schon einmal weit verbreitet waren. Heute sind die Raumprogramme aber viel differenzierter und entstehen häufig unter Mitwirkung der Bewohnenden. Je nach Bedürfnissen gibt es daher so unterschiedliche Angebote wie zum Beispiel Gemeinschaftsküchen, Näh- und Yogaräume, Bibliotheken, Kletterhallen, Dachsaunen, Holzwerkstätten oder Boxkeller. In aller Regel sind sie ­ergänzender Bestandteil spe­zieller Wohnformen.
In den letzten Jahren haben Genossenschaften beim Teilen von Wohn- und Lebensräumen viel experimentiert. Meist bieten sie dabei gleichzeitig verschiedene Wohnformen an und ergänzen diese mit Räumen zur gemeinsamen Nutzung. Solche Pionierprojekte erhalten auch international Beachtung und gelten als Impulsgeber. Salonfähig mach­ten sie hierzulande vor allem die Wohn­ge­mein­schaften; selbst Traditionsgenossenschaften bieten mittlerweile in ihren Neubauten Grosswohnungen an. Diese richten sich teilweise auch an spezielle Zielgruppen wie ältere Menschen.
Genossenschaften sind zudem Wegbereiter des Clusterwohnens. Private Zimmer, meist mit eigenem Bad und teils mit Teeküche, werden dabei kombiniert mit gemeinschaftlichen Wohn- und Essbereichen. Entsprechende Angebote finden sich mittlerweile in manchen Genossenschaftssiedlungen, vor allem in grösseren Städten. In jüngerer Zeit sind weitere Formen hinzugekommen: Beim Hallenwohnen bauen Mieter:innen grosse Hallen selbst aus und bewohnen sie gemeinschaftlich, beim Mikro-Living wer­den Kleinstwohnungen durch separate Aufenthalts- oder Co-Working-Räume ergänzt.
Welche Konzepte sich längerfristig bewähren, ist völlig offen. Zahlen zum Thema und qualitative Untersuchungen sind rar, gemäss den wenigen vorhandenen Studien besteht für gemeinschaftliche Wohnformen bis jetzt aber nur ein Nischenmarkt. Ob sich dies künftig ändert, wird sich zeigen. Faktoren wie Nachhaltigkeit, der erhöhte Verdichtungsdruck und die steigenden Bodenpreise sprechen für einen sinkenden individuellen Flächenbedarf, die zunehmende Zahl an Single-Haushalten und die Vereinsamung im
Alter für ein steigendes Bedürfnis nach Gemeinschaft im Wohnumfeld. So leben muss man aber letztlich wollen.

Die Berner Genossenschaft Warmbächli hat ein Lagerhaus zum Wohnhaus umgebaut. Von Anfang an partizipativ geplant, wurden auch Workshops zum Thema Teilen durchgeführt. Entstanden sind viele gemeinschaftliche Bereiche wie ein grosses Foyer oder die Dachterrasse, in einem Pionierprojekt aber auch ein gemeinsames WLAN-Netz für das ganz Haus.

Geteilte Verantwortung
Dass sich Genossenschaften so intensiv mit Fragen des Teilens befassen, verwundert nicht. Als Selbsthilfeorganisationen zum Nut­zen der Mitglieder orientieren sie sich an Nachhaltigkeit und sozialen Werten. Vor allem aber sind ihre Mitglieder nicht einfach Bewohner:innen, sondern auch Mitbesitzende und Mitbestimmende. Das gemeinsame Einstehen für das Ganze und das Teilen von Verantwortung gehört quasi zum genossenschaftlichen Wesenskern. Die Mitgliederversammlung trifft die wesentlichen Entscheide, und auch bei der Finanzierung beteiligen sich alle, über Anteilscheine und oft auch wei­tere Gefässe wie Darlehen oder Solidaritätsbeiträge. Und nicht zuletzt übernehmen Genossenschafte­r:innen einen Teil der Aufgaben und Verantwortung in ihrer Organisation, indem sie sich etwa in der Nachbarschaftshilfe, im Vorstand, in Gartengruppen oder für Freizeitangebote engagieren.
Besonders intensiv hat sich die Genossenschaft Warmbächli mit dem Thema Teilen auseinandergesetzt. Sie wurde 2013 von einer Gruppe engagierter Menschen gegründet und hat auf dem Areal der ehemaligen Keh­richtverbrennungsanlage in Bern ein riesiges Lagerhaus zu einem Wohnhaus um­gebaut. Die Genossenschaft setzt auf Mitwirkung und Mitsprache und hat das ambi­tionierte Projekt partizipativ ent­wickelt. «Das hat sich auf jeden Fall bewährt», sagt Co-Geschäftsführerin Daniela Nötzli. Im 2021 bezogenen «Holligerhof 8» finden sich selbstverständlich verschiedene gemeinschaftliche Wohnformen, mit zwölf Prozent ist der Anteil an gemeinschaftlichen Flächen zudem sehr hoch. Dazu gehören ein Foyer, eine Dachterrasse mit Dachküche und drei Gästezimmer. Im Gebäude befinden sich zudem ein zentraler Quartierraum, eine Werkstatt und ein Bewegungsraum für die siedlungsübergreifende Nutzung – auf dem Areal haben vier weitere ge­meinnützige Bau­träger Häu­ser gebaut, ein weiterer Bau soll hinzukommen. Die gemeinsamen Nutzungen werden über eine Infrastrukturgenos­senschaft koordiniert, das Zusammenleben gestaltet ein Siedlungsverein.
Von den vielen Ideen, die an einer Retraite zum Thema Teilen gesammelt wurden, hat das Warmbächli zudem eine besonders gute als Pionierprojekt umgesetzt: ein gemeinsames WLAN-Netz. Es kann im ganzen Gebäude von allen Haushalten und Gewerbebetrieben genutzt werden. Damit muss sich hier niemand selbst um Anbieter, Abos, Geräte und Anschlüsse kümmern und profitiert dennoch von einem sicheren und günstigen In­ternet. Und weil gute Ideen am besten geteilt werden, hat sich mittlerweile auch eine der benachbarten gemeinnützigen Bauträgerinnen am Hausnetz angeschlossen.

Im Haus der Genossenschaft Sophie Stinde auf dem Basler Lysbüchel-Areal gibt es zwölf Wohnungen, die meisten davon sind sehr klein. Das klappt gut, weil Gegenstände und ein Lagerraum geteilt werden und ein Gästezimmer sowie zwei Gemeinschafts-räume zur Verfügung stehen.

Teilen bedeutet Aushandeln
Doch wie klappt das Teilen im praktischen Wohn­alltag? Erfahrungen damit gesammelt hat zum Beispiel die Wohnbaugenossenschaft Sophie Stinde. Sie gehört zu dem Dutzend Bauträgerinnen, die auf dem gemeinnützigen Areal Lysbüchel Süd in Basel ein Haus bauten. Zusammen bilden die Gebäude eine Blockrandüberbauung um einen Hof. Sophie Stinde plante zwölf Wohnungen, die mehrheitlich nur ein oder zwei Zimmer haben. Im 2021 bezogenen Haus leben aktuell 16 Erwachsene und fünf Kinder. Zur Verfügung stehen ihnen ein Gästezimmer sowie zwei Gemeinschaftsräume; der im Attikageschoss hat ein Zusatzbad, der gartenseitige wird ergänzt durch einen Lagerraum für die Bewohnenden und den Bioladen im Haus. Die Nutzung aller Räume ist in den Mie­ten inbegriffen.
Monica Beer lebt hier seit Beginn in einem Studio und schätzt die Vorzüge der Zusatzräume. «Wie die meisten hier brauche ich Ausweichmöglichkeiten. Zum Bespiel, wenn Besuch kommt.» Das Gästezimmer sei praktisch dauerbelegt, so dass auch im oberen Gemeinschaftsraum oft Gäste übernachteten. Der helle Raum mit Wintergarten wird aber auch von den Bewohner:innen gerne genutzt, zumal die hofseitigen Wohnungen im Winter kaum Sonne haben. Im unteren Gemeinschaftsraum trifft man sich spontan, im hinteren Bereich kann man auch arbeiten. Am Mittwoch kochen die Familien mittags gemeinsam, an Freitagabenden schwingen oft weitere Mieter:innen den Kochlöffel, und wer Lust hast, gesellt sich dazu.
«Alles in allem funktioniert die gemeinschaftliche Nutzung gut. Aber es erfordert natürlich auch immer wieder ein Aushandeln. Wenn jemand lesen oder still arbeiten möchte, stören laute Telefonate oder schwatzende Gruppen», sagt Beer. Diskussionen hatte es auch schon gegeben, als die Kinder die Räume zu sehr in Beschlag nahmen. «Aber man findet immer eine Lösung, wenn man miteinander redet.» Das gilt auch für den offenen Innenhof. Jede Genossenschaft hat einen eigenen Gartenteil, es gibt aber keine Zäune. Entsprechend flitzen die Kinder übe­rall herum. «Und das sollen sie auch», sagt Beer. Einhalt gebieten musste man bis jetzt erst einmal, als das intensive Fussballspielen dem Gras den Garaus zu machen drohte. Fragen klären oder sich austauschen kann man bei Bedarf über den siedlungsübergreifenden Chat.
Geteilt werden im Stinde-Haus auch Staubsauger und Putzmaterial. Verstaut wer­den sie und viele weitere Dinge, die man nicht unbedingt in der Wohnung haben möchte, im Lager. Neben den Vorräten des Bio­ladens findet sich hier zudem ein grosser Tiefkühler. Beer: «Der Stauraum ist super, wir sind froh darum.» Es brauchte etwas Zeit, bis man sich auf das nötige Mass an Sauberkeit und Aufräumen einigte. Für vieles gibt es nun Ämtli. Einmal im Monat wird der Staubsauger gereinigt, wofür Beer zuständig ist, andere füllen Material in den Gemeinschaftsräumen nach oder kümmern sich um die Entsorgung von Abfall. Beers Fazit: «Die Kombination von Privatem und Gemeinschaft ist ein Mehrwert. Natürlich muss man die Alltagsgestaltung diskutieren. Aber insgesamt ist so ein Haus eine tolle Sache! Ich bin sehr dankbar und zufrieden, wie sich unser Zusammenleben entwickelt hat.»