Hochhäuser über Tramschienen

Auf dem Tramdepot Hard hat die Stadt Zürich eine grosse Wohn­siedlung erstellt. Das baulich und logistisch herausfordernde ­Unterfangen ermöglicht 197 neue Wohnungen an zentraler Lage. 

Interview Liza Papazoglou | Bilder: Roman Weyeneth, Juliet Haller | 2025/05

Welches Ziel hat die Stadt Zürich mit dem Bauvorhaben verfolgt?

Beim Tramdepot Hard waren tiefgreifende Instandsetzungsarbeiten und der Neubau einer modernen Depothalle samt Betriebs- und Diensträumen notwendig. Die Stadt Zürich nahm dies zum Anlass, das Areal direkt an der Limmat besser zu nutzen und mehr gemeinnützigen Wohnraum zu schaffen: Um 197 Wohnungen – vier davon Wohnateliers – ist ihr Portfolio dank der neuen Überbauung gewachsen. Nach vierjähriger Bauzeit sind diesen Sommer die ersten von insgesamt 520 Be­wohner:innen eingezogen. Gewerbenutzungen und Ateliers entlang der Hardturmstrasse und des Ufer­wegs beleben zudem den Stadtraum, entlang der Limmat wird ein neuer öffentlicher Fuss- und Veloweg mit angrenzendem Pocket-Park den Aussenraum auf­werten.

Was zeichnet den Bau architektonisch und baulich aus?

Alt und neu, Depotbetrieb und Wohnen werden auf dem Hard-Areal geschickt verschränkt. Direkt anschliessend an das instandgesetzte Tramdepot wurde eine neue Depothalle gebaut. Sie bildet einen viergeschossigen Sockel als Basis für die neuen, betont urbanen Wohngebäude: Zwei fast siebzig Meter hohe Wohntürme mit 22 bzw. 23 Geschossen nehmen Bezug zu zwei benachbarten Hochhäusern und schaffen eine prägnante Eingangssitua­tion zum boomenden Quartier Zürich West. Alle Wohnungen in den Türmen verfügen über lärmschützende Loggias. Auf dem Sockeldach liegt ein Innenhof, den zwei Wohn­zeilen mit 42 zweigeschossigen Rei­­henhäusern säumen.

Wohnungsbeispiel

Der Querschnitt verdeutlicht die komplexe Anlage.

Worin bestanden die grössten ­Heraus­forderungen?

Eine neue Wohnsiedlung auf ein bestehendes Tramdepot zu bauen, ist bezüglich Statik äusserst anspruchsvoll. Aus sta­tischen Gründen und aufgrund strenger Brandschutzvorschriften zum Zeitpunkt des Architekturwettbewerbs erstellte man die Gebäude aus Beton. Die Fassaden bestehen aus rückbaubaren Recyclingbeton-Elementen. Heute würden CO2-Einsparungen vermutlich stärker ge­wichtet, sagen Stadt und Architekten. Gleichzeitig ist eine robuste Materialisierung ein Garant für eine lange Lebensdauer. Herausfordernd war auch die ­Beschaffenheit des Baugrunds: Der Grund­wasserspiegel der Limmat erlaubte nur ein minimales Untergeschoss. Die schma­le Parzelle an einem Verkehrskno­ten­punkt stellte zudem hohe Anforderungen an die Baustellenlogistik und an das Bau­management.

Wie wurden Nachhaltigkeitskriterien erfüllt?

Die Wohnsiedlung ist Minergie-P-zertifiziert. Alle Gebäude erreichen den Minergie-Eco-Standard. Sie werden über das städtische Fernwärmenetz mit Wärme versorgt, Photovoltaikanlagen auf den Hochhausdächern erzeugen Strom. Ein Viertel des verbauten Betons ist Recyclingbeton. Die Siedlung ist autoarm und hat nur 19 Parkplätze, den Bewohnenden stehen ein Auto- und ein Cargo-Bike-Sharing zur Verfügung. Der begrünte Innenhof soll für Schatten und Kühlung sorgen, die Dächer der Reihenhäuser sind ge­mäss eines ökologischen Aufwertungskonzepts bepflanzt, das bestimmte Tierarten fördert.

Wie ist man bei der Vermietung ­vorgegangen?

Vor der Ausschreibung neuer Wohnsiedlungen definiert die Stadt in einem Konzept Prozess, Zeitplan und Belegung im Einklang mit dem Mietreglement. Beim Depot Hard konnten sich Interessierte im Januar 2025 über die städtische Webseite registrieren – was fast 14 500 Personen taten. Ein Zufallsgenerator ermittelte dann 1128 Haushalte, die Bewerbungen einreichen konnten. Da wegen der komplexen Bauarbeiten keine Besichtigungen möglich waren, boten virtuelle Rundgänge einen Eindruck der Wohnungstypen. Die Mieter:innen ziehen etappenweise von Juli 2025 bis April 2026 ein.

In welchen Fällen setzt die Stadt ­Zürich auf den Bau von Hochhäusern?

Ausschlaggebend für die gewählte Bautypologie sind jeweils die spezifischen Bedingungen des Grundstücks. Die Stadt strebt eine effiziente Bodennutzung unter Berücksichtigung des Bestands sowie eine hohe städtebauliche Qualität bei gleichzeitig hohem Nutzwert für die Bewohnerschaft an. Zum städtischen Portfolio gehört entsprechend eine breite Palette an Gebäudeformen – seit den 1960er-Jahren auch Hochhäuser wie Lochergut oder Hardau II. Hochhäuser verursachen bei Bau, Betrieb, Unterhalt und Sanierung tendenziell höhere Kosten, bieten jedoch eine höhere Ausnützung und teilweise mehr Flexibilität im Erdgeschoss und in der Umgebungsgestaltung.

Baudaten

Bauträgerin
Stadt Zürich


Architektur
Morger Partner Architekten AG, Basel, Arge mit Caretta Weidmann Baumanagement AG, Zürich, Stauffer Rösch AG, Basel (Landschaftsarchitektur)


Umfang Wohnsiedlung
197 Wohnungen mit 1½ bis 7½ Zim­­mern, 8 Gewerbe- und Kunst­ateliers, 12 Atelier- und 9 Gewer­be­­räume, 2 Gemeinschaftsräume, 670 Veloparkplätze, 40 Tiefgaragenparkplätze (VBZ)


Baukosten (BKP 1-9)
216,6 Mio. CHF total (Wohnsiedlung und Depot, Stand 1.9.2025)


Mietzinsbeispiel
3 ½-Zimmer-Etagenwohnung, 72 – 83 m²: 1660 – 2710 CHF + 180 CHF NK

Die Gebäude

Das Tramdepot Hard beim Escher-Wyss-Platz in Zürich wurde ab 1898 erstellt und steht unter Denkmalschutz. Es bedurfte einer Sanierung sowie Erweiterung. Die Stadt nutzte dies, um gleichzeitig eine neue Wohnanlage zu erstellen. Auf dem Dach der Tramhalle bilden nun zwei Hochhäuser zusammen mit zwei Reihenhauszeilen ein Ensemble, das einen Innenhof umfasst. Im Sockelbau gibt es zur Stras­se und zur Limmat hin Atelier- und Gewerberäume.