Eltern auf Zeit

«Er ist längst Teil der Familie»

Das Zürcher Ehepaar Karin und Marc Sarbacher* zieht neben seiner leiblichen Tochter auch einen Pflegesohn auf. Der Achtjährige, der als Kleinkind zur Familie kam, ist für sie längst wie ein eigenes Kind.

Vater, Mutter, Tochter, Sohn – die Sarbachers* verkörpern das Bild einer klassischen, liebevollen Familie. Dass der achtjährige Eric nicht ihr leibliches Kind ist, sieht man ihm nicht an. Und doch kam er erst mit anderthalb Jahren als Pflegekind zu Karin und Marc Sarbacher und ihrer heute elfjährigen Tochter Lara. Zuvor lebte er in einem Kinderheim; seine leibliche Mutter war bei der Geburt noch sehr jung und nicht in der Lage, sich um ihr Baby zu kümmern, der Vater war unbekannt. Die Behörden beschlossen, dass Espoir für Eric eine passende Pflegefamilie suchen sollte; die Organisation vermittelt im Kanton Zürich und Umgebung Pflegeplätze für Kinder, die nicht bei ihren Eltern aufwach­sen können. «Eric fremdelte stark», erinnert sich Karin an die erste Begegnung. Und doch war für sie und ihren Mann von Anfang klar, dass er ihr künftiger Pflegesohn sein sollte.
Karin ist ein Familienmensch: «Ich habe mir mindestens drei Kinder gewünscht.» Doch sie wurde längere Zeit nicht schwanger, und Marc und sie entschieden sich für eine Adoption. Schliesslich kam es doch noch zu einer Schwangerschaft, die aber kompliziert verlief. «Als Lara geboren war, musste ich akzeptieren, dass ich kein weiteres leibliches Kind bekommen würde», erzählt die Zürcherin. Der Kinderwunsch aber blieb. Statt eine Adoption weiterzuverfolgen, meldete sich das Ehepaar bei Espoir. Wie alle interessierten Pflegeeltern absolvierten die Sarbachers eine dreitägige Schulung. Karin erinnert sich, dass sie etwas überrascht war: «Uns wurde von vielen potenziellen Schwierigkeiten berichtet.»

Viele Herausforderungen für Pflegeeltern
Tatsächlich konfrontiert Espoir die Bewerberinnen und Bewerber im Kurs mit den Herausforderungen, die ein Pflegeverhältnis mit sich bringen kann, wie Verhaltensauffälligkeiten, anspruchsvolle leibliche Verwandte und bürokratischer Aufwand. Die Absicht sei nicht, potenzielle Pflegeeltern abzuschrecken, erklärt Sheila Huwiler, die als Familienberaterin von Espoir den Sarbachers zur Seite steht und sie regelmässig zu Hause besucht. «Aber Pflegeeltern übernehmen eine anspruchsvolle Aufgabe und müssen wissen, worauf sie sich einlassen.» Ziel sei es, dem Pflegekind ein langfristig stabiles Umfeld zu bieten. Espoir erwartet zudem, dass ein Elternteil mindestens ein Jahr zu Hause bleibt, um zum Pflegekind eine gute Beziehung aufzubauen. Auch Karin legte eine Berufspause ein, um ausreichend Zeit für ihre beiden Kinder zu haben. Für sie als Primarlehrerin sei der Wiedereinstieg kein Problem gewesen, aber natürlich sei das nicht für alle möglich.

Herkunftsfamilie gehört dazu
«Den Pflegeeltern wird viel zugemutet», gibt Sheila Huwiler zu: «Obwohl sie im Alltag dem Pflegekind am nächsten sind, sind sie in einigen Entscheidungen wie zum Beispiel der Wahl der Schule eingeschränkt, da die leiblichen Eltern nach wie vor das Sorgerecht haben.» Ein Pflegekind bringe viele Bezugspersonen mit sich: die Familienberaterin, einen Beistand oder Vormund und natürlich die Herkunftsfamilie. «Ohne Einbezug der Herkunftsfamilie funktioniert ein Pflegeverhältnis nicht.» Eric trifft seine leibliche Mutter alle paar Wochen. «Sie war zum Glück von Anfang an einverstanden, dass Eric bei uns aufwächst», berichtet Karin dankbar. «Sie sagt, er führe das Leben, dass sie sich für sich selbst gewünscht hätte.» Erics Grosseltern hingegen hätten sich zuerst gegen die Platzierung gewehrt: «Sie fanden, er gehöre zu ihnen, obwohl sie sich gar nicht um ihn hätten kümmern können.» Mittlerweile habe sich die Situation beruhigt, und man feiere jedes Jahr an einem neutralen Ort gemeinsam Weihnachten.
Karin Sarbacher ist seit einiger Zeit selbst an den Einführungsabenden von Espoir aktiv, um von ihren positiven Erfahrungen als Pflegemutter zu erzählen. Eric lebt nun schon seit sieben Jahren mit seiner Pflegefamilie in der Altbauwohnung im Osten von Zürich. Aus dem ängstlichen Kleinkind, das sich anfangs stark an seine Pflegemutter hielt, ist ein unternehmungslustiger Junge geworden, den im Quartier alle kennen und mögen. Dass er ein Pflegekind ist, möchte er hingegen am liebsten verdrängen. Die Treffen mit der Familienberaterin und der Beiständin gehen ihm zuweilen auf die Nerven, weil sie ihn daran erinnern, dass seine Familiensituation anders ist als die seiner Freunde. Auch aus diesem Grund ist Karin Espoir dankbar für die Unterstützung: «Sheila ist die Vermittlerin und unterstützt uns auch in unangenehmen Situationen. Sie half uns zum Bei­spiel, Eric zu erklären, warum er seine leiblichen Grosseltern nicht bei sich zu Hause treffen kann.»

Auch wenn Eric längst ein Teil der Familie ist, bleibt er ein Pflegekind, und niemand kann mit Sicherheit sagen, wie lange er bei den Sarbachers bleiben wird. «Als er noch kleiner war, sagte er mir in einem Wutanfall, dass er sich eine neue Familie suchen würde», erinnert sich Karin. «Ich weiss, dass das viele Kinder sagen, wenn sie wütend sind. Aber in seinem Fall hat es mich sehr berührt, weil es ja wahr ist.» Wie sich die Situation entwickelt, wenn Eric in die Pubertät kommt, kann sie nicht vorhersagen, aber das gehe Eltern mit ihren eigenen Kindern ja auch so. Seit 2022 können Pflegeverhältnisse über die Volljährigkeit hinaus bis zum 25. Altersjahr verlängert werden und damit auch die Begleitung durch Espoir sowie die finanzielle Unterstützung, die die Sarbachers für Verpflegung, Unterkunft und Kleidung erhalten. Karin: «Natürlich hoffen wir, dass der Kontakt das ganze Leben lang bestehen wird – zu beiden Kindern.»

* Alle Namen sind aus Datenschutzgründengeändert.